Emily Murdoch: „Wenn ihr uns findet“

Die 14-jährige Carey und ihre kleine Schwester Janessa, meistens Ness genannt, leben seit Jahren in einem Wohnwagen mitten im Wald. Weit ab von der Zivilisation hat sie ihre drogenabhänige Mutter an diesen Ort gebracht, der seit langer Zeit ihr zu Hause ist. Dort gibt es weder Strom, noch fließend Wasser, die Kleidung der Kinder ist abgetragen und beschränkt sich auf ein Minimum. Auch das Essen ist mehr als spärlich gesät. Die Mutter kümmert sich wenig, bis gar nicht um sie, ist oft Tage ja sogar Wochen verschwunden und wenn sie denn mal da ist, dann ist sie meistens mit Drogen und Alkohol vollgepumpt, sodass Carey schon seit langem die Mutterrolle für Ness übernommen hat. Eines Tages taucht eine Sozialarbeiterin zusammen mit Careys Vater auf und befreit die Mädchen aus ihrer Situation. Aber damit hören die Probleme nicht auf. Nun gilt es, sich in einer für die beiden völlig fremden Welt neu zu orientieren und zurechtzufinden. von Nancy
 

Wenn ihr uns findet von Emily Murdoch, erschienen im Heyne-Verlag

Wenn ihr uns findet von Emily Murdoch, erschienen im Heyne-Verlag


 
Die Geschichte beginnt damit, dass Carey und Ness von der Sozialarbeiterin und ihrem Vater aus dem Wald, sie nennen ihn den Hundert-Morgen-Wald (wie der Wald von Winnie-Puh), geholt werden. Dabei überwiegt bei Carey nicht die Freude auf ein normales Leben, sondern die Angst vor dem Neuen und Unbekannten. Ihr ist bewusst, dass sie das Altbekannte für immer aufgeben muss, um neu anzufangen, in einer Welt, die sie nicht kennt und in der für sie kein Platz zu sein scheint. Immer wieder überkommt Carey im Laufe der Erzählung Heimweh nach dem Wald. Sie vermisst die Stille, das Vogelgezwitscher, die Einsamkeit.
„Meine neuen Kleider riechen nicht nach Holzfeuer, genau wie meine Haare und auch Janessa. Ich hätte nie gedacht, das es mir fehlen würde, aber so ist es… Auf dieselbe Weise wie mir die endlose Sternendecke fehlt und der Waldboden, der unser Teppich war.“
 
Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Form aus der Sicht von Carey. Im Gegensatz zu ihrer Schwester, die sich recht schnell an das neue Leben gewöhnt, fällt es ihr schwer, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden. Jahrelang war der Wald ihr zu Hause. Ihr ist bewusst, dass sie anders ist als die Teenager ihres Alters.
 
In gedanklichen Rückblenden erzählt Carey, wie die Mädchen in den Jahren im Wald lebten, wie sie den Alltag meisterten und auch was sie alles durchmachen mussten. Dabei ist besonders schwer zu ertragen, was eine Mutter ihren Kindern alles antun kann. Eine Mutter, die mit dem eigenen Leben nicht klarkommt und ihre Kinder dafür bezahlen lässt, sei es, das sie mit Abwesenheit glänzt oder sie für ein paar mickrige Dollar verkauft um ihre Drogensucht zu finanzieren.
 
Emily Murdoch gelingt es sehr gut den Zwiespalt in dem Carey seit ihrer Befreiung aus dem Wald verfangen ist, zu beschreiben und ihre Gedankenwelt nachvollziehbar zu machen. Auf der einen Seite fehlt ihr der Wald, sie fühlt sich in der neuen Welt unwohl, mit ihrer neuen Situation überfordert. Alles ist anders, es gibt zu viel Lärm, zu viel Hektik, „Die Welt hier draußen ist so schnell, so laut, so hektisch. Immer etwas zu tun, wobei nichts davon wirklich wichtig scheint.“ Auf der anderen Seite hasst sie das, was sie erlebt hat und durchmachen musste.  Murdoch beschreibt sehr gut, wie es für den Teenager ist, sich völlig neu orientieren zu müssen. Egal ob es dabei um den Schulalltag geht oder um so simple Dinge, wie shoppen zu gehen oder einen Burger zu essen. All das, was für andere selbstverständlich ist, ist für Carey und ihre Schwester Neuland, das es gilt zu meistern, ohne dabei bei die beiden Mädchen als dumm oder naiv dastehen zu lassen.
 
Man sollte sich nicht von dem meiner Meinung nach nicht so gut gelungenem Cover und dem Titel des Buches abhalten lassen, sich dieser Lektüre anzunehmen. Auch wenn das Thema schwere Kost ist und man als Leser häufig einen dicken Kloß Hals hat, ist das Buch sehr zu empfehlen. Vielleicht nicht unbedingt für 14-Jährige, sondern für eine ältere Leserschaft.  Wer jetzt denkt, dass es in dem Buch nur um dramatische Erlebnisse geht, der irrt. Es zeigt ebenso schön auf, wie stark Liebe, Geborgenheit und Zusammenhalt sein kann. Die intensive Bindung zwischen Carey und ihrer Schwester verdeutlicht, wie tief Geschwisterliebe sein kann. Auch ist es sehr schön zu verfolgen, wie sich Melissa, die Stiefmutter, fürsorglich um die beiden bemüht, ihnen Verständnis entgegenbringt und sie in vielen Situationen unterstützt. Sie ist geduldig, herzlich und einfühlsam. Das Buch wühlt auf und regt zum Nachdenken an und zeigt einmal mehr, dass man das, was als selbstverständlich gilt, mehr schätzen sollte.
 
EMILY MURDOCH
Wenn ihr uns findet
Ab 14 Jahren
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-53434-6

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