Drei Frauen, eine Insel –
T.C. Boyles „San Miguel“

Es sind drei grundverschiedene Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten auf San Miguel stranden. Die Insel ist die Basis, die innerhalb der Erzählung immer wieder ihren Status als eigentlicher Protagonist einfordert.
von Nicole

Cover: Hanser-Verlag

Boyle stellt dem Leser als erstes Maranatha vor. Sie ist eine kränkliche, an Tuberkulose leidende Frau mittleren Alters, die den Versprechungen ihres Mannes glaubt, auf der Insel durch die besseren Luftverhältnisse etwas genesen zu können. Maranatha ist eine kultivierte, wohlerzogene Frau, die ihr Leben als Stadtmensch genossen hat; Bälle, Teeverabredungen und Museen – ab der Ankunft auf der Insel muss sie all das hinter sich lassen. Durch ihre Krankheit geschwächt, ist sie in kaum einer Hinsicht „geeignet“ solch ein karges und hartes Dasein zu fristen. Sie muss in einem winzigen, schmutzigen, kalten Haus unterkommen, bei dem sich die Toilette weit außerhalb befindet. Auch ihrer Tochter Edith missfällt der erzwungene Wechsel in die absolute Einöde, ohne die Möglichkeiten jeglicher Zerstreuung und seien es nur jemand anderes als die Mutter oder der Stiefvater, mit dem man sich unterhalten kann. Einzig mit dem Gehilfen Jimmy, der ungefähr in ihrem Alter ist, vertreibt sie sich die Zeit.
Edith selbst wird als zweite Hauptperson nach einigen Ereignissen auf die Insel zurückkehren, dieses Mal allein mit dem Stiefvater aber genauso unter Zwang wie schon beim ersten Mal. Als der Mutter einziges Kind wurde sie einst verwöhnt, doch nun soll sie Haushälterin, Köchin und Putzfrau in einem sein, obwohl sie sich doch nicht mal ein Ei ohne fremde Hilfe kochen kann..
Die dritte, Elise, ist die erste, die gänzlich aus freien Stücken mit ihrem frisch vermählten Mann Herbie die Insel bewohnen will. Sie ist bereits 38 und erlebt auf San Miguel ihren zweiten Frühling. Das Paar sieht die Tristheit der Insel mehr als Chance und positive Herausforderung denn als Last und vielleicht ist es schon diese Einstellung, die das Leben erträglicher und glücklicher macht, als bei den vorangegangenen Frauen.
 
T.C. Boyle beweist mit „San Miguel“ einmal mehr, dass er ein fantastischer Erzähler ist, der wieder einmal Frauen als Protagonisten ausgewählt hat. Die beschriebenen, unterschiedlichen Leben der drei stützen sich auf reale Vorbilder und sind nicht spektakulär oder extrem, aber trotzdem besonders. Es ist die Insel, die das Besondere und zugleich Gemeinsamkeit und Unterschied ausmacht. Sie ist die Konstante, die den Frauen, so könnte man meinen, immer genau das widerspiegelt, was sie ihr entgegenbringen. Für die eine ist es eine trostlose Insel mit jeder Menge Schafe, die absolute Einsamkeit sowie Unmengen Arbeit für die Männer mit sich bringt. Die andere sieht es als Pionier-Leistung an, hier zu leben, die Gegebenheiten zu akzeptieren und noch mehr, sich selbst etwas Eigenes aufzubauen und sich das Leben dort stetig zu verbessern, so gut es eben geht. Boyle schafft es meisterlich die einzelnen Charaktere klar herauszuarbeiten und dabei in Beziehung zur Insel zu setzen.
 
Fazit: Das Thema in „San Miguel“ mag nicht jedermanns Sache sein, es ist kein spannender Krimi, der hier vorliegt, sondern ein sehr explizit ausgearbeitetes und toll beschriebenes Portrait dreier verschiedener Frauen, in deren Leben man mal kürzer, mal länger eintauchen darf.
 
T.C. Boyle
San Miguel
448 Seiten
€ 22,90 (D)/ € 23,60 (A)/ CHF 32,90 (CH)
ISBN : 978-3-446-24323-1

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