CONSERVE THE SOUND – Ein Online-Archiv für verschwindende Geräusche

Spitzt mal die Ohren und schließt eure Augen. Jetzt stellt euch mal vor, ihr seid 20 Jahre jünger und gerade im Haus eurer Großeltern. Die Oma will mit Tante Hedwig aus Buxtehude telefonieren, greift zum Hörer des Telefons und führt den Zeigefinger in das Loch der Wählscheibe. Erst die Null: „rischt-rüscht“ – die Wählscheibe dreht sich wieder zurück in die Ausgangsposition. Dann die Neun: „riiiescht-rüüüüscht“. Hört ihr den Klang von diesem alten Plastetelefon im Ohr? Meine Großeltern hatten übrigens ein Exemplar in Grün mit extra Ohrmuschel, falls der Opa beim Gespräch von Oma und Tante Hedwig mithören wollte. von Susann
 
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Und darum geht‘s. Mein Fundstück in dieser Woche ist das „rischt-rüscht“ und das „riiiescht-rüüüüscht“ des alten Telefons meiner Großeltern, das schon längst nicht mehr existiert. Irgendwann im Zuge einer technischen Modernisierung wurde es samt dem Apparat im ersten Stock des Hauses (der war schwarzbraun) und dem Telefon für heimliche Anrufe im Keller (das war auch grün, damit haben wir die Leute aus dem Telefonbuch mit Scherzanrufen zur Verzweiflung getrieben) entsorgt und durch eine schnurlose Tastenvariante ersetzt. Aber das Geräusch, das die Wählscheibe macht, wenn sie zurückschwingt, dieses „riiiescht-rüüüüscht“, vergisst man nicht.
 
Jetzt bin ich durch Zufall auf ein spannendes Projekt gestoßen, das den Namen „Conserve the sound“ trägt. Es ist phantastisch. Ein Sammelsurium an Tönen und Bildern von Gegenständen aus vergangenen Zeiten.
 

 
Worum geht‘s? „Conserve the sound“ ist ein Online-Archiv für verschwindende Geräusche. „Die Geräusche eines Wählscheibentelefons, eines Walkmans, einer analogen Schreibmaschine, eines 56k-Modems, eines Atomkraftwerks oder sogar einer Handytastatur sind teilweise schon verschwunden oder verschwinden gerade aus dem täglichen Leben. Diese Sounds werden gesucht, aufgenommen und auf www.conservethesound.de ausgestellt.“ 2013 wurde das Projekt mit dem Deutschen Kulturförderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft BDI e.V. ausgezeichnet.
 
Und das zu recht: Schließlich gibt es für viele Dinge Archive. Für Fotografie, öffentliche Dokumente, Videoaufnahmen, Malerei oder sogar Saatgut. „Die heutige Industriegesellschaft ist schnelllebig. Täglich werden neue Objekte erfunden und produziert. Die Produktlebenszyklen werden immer kürzer. Altes gerät in Vergessenheit und wird verworfen. Eine damit einhergehende akustische Evolution der Dinge wird bisher völlig außer Acht gelassen. Dabei sind die uns umgebenden Klanglandschaften immer auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft und Kultur“, erklären die Gründer von Conserve The Sound, Daniel Chun und Jan Derksen. Beide betreiben „CHUNDERKSEN“, ein junges Büro für Filmproduktion und Kommunikationsdesign in Essen und Hamburg.
 
Schaut bzw. hört euch mal um, es lohnt sich!

 

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