Stefanie de Velasco: Tigermilch

cleverprinting 2009Tigermilch, erzählt die Geschichte von Nini und Jameelah, zwei 14-jährigen Mädchen aus Berlin. Ihr Lieblingsgetränk ist besagte Tigermilch, hergestellt aus Schulmilch, Maracujasaft und Mariakron, die sie regelmäßig auf der Schultoilette zusammenmixen. 
 
Nini und Jameelh fühlen sich nach außen hin stark. Sie rauchen, trinken, klauen. Sie probieren sich aus, überschreiten Grenzen und suchen ihren Weg in einer Welt, in der sie keine Kinder mehr, aber auch noch nicht erwachsen sind. Sie pflegen eine innige Freundschaft, kreieren ihre eigene O-Sprache (aus Katze mach Kotze, aus Geld mach Gold) und hängen mit Gleichaltrigen ab, da ihr Zuhause ihnen nicht viel bieten kann.
Besonders Nini lebt ohne jegliche elterliche Führung. Ninis Mutter liegt lieber auf der Couch als sich um die Belange ihrer Tochter zu kümmern. „Mama liegt eigentlich immer auf dem Sofa. […] Mamas Sofa ist eine Insel, auf der sie lebt. Und obwohl diese Insel mitten in unserem Wohnzimmer steht, versperrt dicker Nebel die Sicht. An Mamas Insel kann man nicht anlegen.“
So sind die Freundinnen lieber auf der Straße unterwegs, hängen am „Planet“ ab oder „schlendern ganz cool und pomade“ auf der Kurfürsten und lassen sich von Fremden abschleppen, um für das erste „echte“ Mal zu üben.
 
Verstörend und schonungslos erzählt Stefanie de Velasco in ihrem Erstlingswerk über zwei pubertierende vierzehnjährige Mädchen aus der Großstadt, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden sind. Die Autorin spricht allgemeine Probleme von Teenagern wie die erste große Liebe, Freundschaft und Konflikte in der Familie genauso an, wie spezielle Themen wie Abschiebung, ungewollte Schwangerschaft und Mord. Dabei zeichnet Valesco ein Bild auf, welches schockiert, aber auch nachdenklich stimmt. Auch gelingt ihr der Spagat die sozialen Schlechtigkeiten aufzuzeigen, aber auch die beiden Hauptcharaktere mit viel Frische und Leichtigkeit erscheinen zu lassen. Sie schafft es verschiedene kritische Themen miteinander zu verbinden, ohne dass es aufgesetzt wirkt.
 
Erzählt ist der Roman in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Nini. Dadurch wirkt die Geschichte noch authentischer. Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig. Nicht nur, dass die Autorin auf die Kennzeichnung der wörtlichen Rede verzichtet, macht es einem zu Beginn recht schwer sich in die Erzählweise einzufinden. Auch mit dem sprachlichen Stil muss man sich erst vertraut machen. Ist das erst geschafft, wirkt die Erzählung durch die Jugendsprache, die sowohl derb, als auch „frei Schnauze“ benutzt wird, umso realistischer und lässt das Milieu, in dem die Teenager aufwachsen, viel deutlicher erscheinen.
 

An manchen Stellen wünscht man sich inhaltlich mehr Tiefgründigkeit. So erfährt der Leser zum Beispiel nicht, warum Ninis Mutter immer auf der Couch liegt. Wegen Alkohol? Wegen Depressionen?
 
Tigermilch, eine schockierende Geschichte von zwei Teenagern die in dieser „faulen Welt“, wie sie sie immer selbst beschreiben, so alles miterleben – Mord, Drogen, Sex, drohende Abschiebung. Nach dem Lesen, legte ich das Buch zur Seite und fragte mich: Ist das wirklich so? Ist unsere Generation von Heranwachsenden wirklich so abgestumpft? Wachsen sie wirklich in so einer traurigen und emotionslosen Welt auf? Sorry, aber ich kann, nein, ich will das nicht glauben! von Nancy

 
Stefanie de Velasco
Tigermilch
ISBN: 978-3-462-04573-4
16,99 €

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