Für Indie zu schön für Mainstream zu obszön
,Schlaflos‘ – Das neue Album von Jennifer Rostock

Foto: Shane McCauley

Ja, ik find se großartig, die Jungens und dat Mädel von Jennifer Rostock. Seit ich beim BuViSoCo 2008 ,Kopf oder Zahl‘ gehört habe. Endlich mal (wieder) eine Band, die das kreative Potenzial, das unsere deutsche Sprache zu bieten hat anständig ausnutzt. Nicht dieser ewig schnulzige Einheitsbrei, sondern jede Menge Wortspielerei – ich liebe es!
Was ,Wir sind Helden‘ vor – Hilfe! – 10, 11 Jahren angefangen haben; ich kann mich noch gut erinnern, als ich 2003 in Berlin auf Abschlussfahrt das Helden-Album „Reklamation“ für meine große Schwester gekauft und mich sofort verliebt hab; führen Jennifer Rostock – um einiges rockiger und punkiger als die Helden – seither weiter.  
von Nicole
 

Seit dem letzten Album ‚Mit Haut und Haar‘ sind schon wieder 2,3 Jahre ins Land gegangen, deshalb war meine Vorfreude aufs neue Album groß und die Freude über den kleinen Karton, der mich am 17. Januar endlich erreichte riesig – die heißersehnte Schlaflos-Deluxe Box, bereits vor Monaten bestellt. Warum Deluxe Box? Da waren ein Wecker und ein Shirt dabei!! Ich bin so einfach zu ködern – tolle Gimmicks und schon hat man mich am Haken. Nun ja, das Shirt passt und der Wecker funktioniert, allet schick soweit. Jennifer Rostock Schlaflos Deluxe Box
Natürlich hat mich in erster Linie das Album interessiert. Und beim Stöbern fanden sich gleich zwei weitere CDs – „Stromlos“ (Unplugged-Versionen von sieben Songs) sowie „Tanz, los!“ (Remixe von neun Songs) – schon mal eine sehr feine Idee, JR für jede Gemütslage. Ich gebe zu, bei „Tanz, los!“ hab ich nur sporadisch reingehört, son Remix-Krams packt mich nicht so, aber vielleicht war zuhause auch nicht der richtige Ort für diesen Sound. „Stromlos“ ist auf jeden Fall sehr gut gelungen – der Variationsreichtum der Stimme von Frontfrau Jennifer Weist kann sich sehen lassen.
 
Zu den Texten:
Es gibt wieder jede Menge toller, einfallsreicher Wortspielereien à la ,Ohne Weg und Weiser ohne Schild‘, ,Wir spielen Stadt Land Überfluss‘ oder ,Doch die Gedanken sind in Bild und Ton asynchron‘ oder mit Betonung auf den Klang: ,Zwischen all den Lippen wippen Kippen‘.
Abseits der Form geht es noch immer um Liebe, Leben, sich ausleben wollen, darum, was einen begeistert, langweilt, antreibt und auch um Frust, um die alltäglichen gesellschaftlichen und persönlichen Zwiespältigkeiten und Kompromisse, mit denen man zu tun und kämpfen hat: ,Was ich will und was ich will, das sind zwei verschiedene Dinge‘.
Durch all das zieht sich mal mehr mal weniger präsent das Überthema ,Schlaflos‘ und zeigt auf, welche Gedanken, Menschen, Situationen einen manchmal freiwillig oder unfreiwillig wachbleiben lassen.
 
Zur Musik:
Es ist natürlich nicht alles perfekt, der Song ,Hollywood‘ beispielsweise gefällt mir am wenigsten, aber nach wie vor ein tanzbarer, unterhaltsamer Mix aus Pop-, Rock-Songs, frei Schnauze, energiegeladen, wütend gesungen. So manche kleiden sich zwar in altbewährter, typischer Jennifer Rostock-Robe, aber durch den frischen auch mal ironischen Text, wie beispielsweise bei K.B.A.G. („Wo kriegen wir ein Feature her, das keinen interessiert?“) kommt keine Langeweile auf. Natürlich dürfen auch neue Balladen nicht fehlen, bei denen Jennifers Stimme wundervoll zerbrechlich klingt (,Bis hier und nicht weiter‘ & ,Schlaflos‘). Bei ,Wenn der Wodka zweimal klingelt‘ musste ich ob der Country-Anleihen echt schmunzeln. Einer meiner Favoriten ist ,Ein Schmerz und eine Kehle‘, denn der musikalische Rahmen und der Rap-Gesang von Jennifer Weist bilden ein traumhaftes Faust aufs Auge-Duo, das funtastisch zum Lied passt.

Insgesamt ein wirklich gelungenes Album, wie ich finde, bei dem Band und Sound merklich gereift sind. Ich bin sicher, dass das Ganze auch auf der Bühne bestens funktionieren wird!

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