Das Buch Dietmar: „Hier lest, das ist großartig!“

Mein Freund Tim hat mir das Buch mit den Worten: „Hier lies, das ist großartig!“ in die Hand gedrückt und, um mich zu überzeugen, eine Passage aus „Eier“ in bester theatralischer Stimmlage vorgelesen:
 

IMG_20130727_144612

Das Buch Dietmar – Meisterwerke eines großen Humoristen

 

„Rohe Eier in kaltem Wasser bleiben schön roh. […]
Wer Eier dreht, kann sehen, wie sie sind: Gekochte Eier drehen sich doppelt so schnell wie rohe. Man braucht also zwei rohe Eier, um ein gekochtes zu überholen. […]
Wer mit Eiern einen Kuchen backt, kriegt sie nicht mehr heil heraus.
Wer die Eier vergessen hat, kann sie nicht mehr reinbacken. […]
Eier ohne Eier schmecken nach nichts.“
 
Damit hatte er mich am Haken. Wer macht sich schon Gedanken über Eier? Diesen Autor wollte ich besser kennenlernen. Wer weiß schon, was er sich sonst noch so überlegt hat? Ich nahm das „Buch Dietmar“ in die Hand und schlug es auf. Oh, Rainald Grebe ist der Herausgeber, dachte ich, das Buch muss gut sein. Und das ist es auch. Das „Buch Dietmar“  ist grandios, großartig, genial. Dietmar Burdinski ist für mich eine Offenbarung. Seine Idee  „Der Letterman“, Firmen Leser- und Kundenbriefe zu schreiben und die Öffentlichkeitsabteilungen mit skurrilen und absurden Vorschlägen für neue Produktlinien, Veranstaltungen und etc. zu konfrontieren, ist so einfach und doch so wirkungsvoll. 
 
Beinahe naiv, oder besser: unbefangen und stets freundlich schrieb Burdinski z.B. der Allianz, um nach einer Meteoritenschutzversicherung zu fragen, weil er sich „aus dem Weltraum sehr stark bedroht“ fühlte; der Polizei Lüneburg schreibt er unter dem Pseudonym „GURU Da-Love-Radschamandri“, um sich nach der Rechtmäßigkeit seiner harten Strafe für das Tragen von Mokassins zu erkundigen, und (mein Favorit:) der Kaufhalle (Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Betreff: Geflügelsport) schreibt er, um dem Marktleiter eine neue Sportart vorzuschlagen – nämlich: Tiefkühlhähnchen über den Fliesenboden des Supermarktes gleiten lassen.
Den meisten Briefen legte Burdinski eine wunderschöne, kindliche, detailreiche Bleistiftzeichnung bei, die den beschriebenen Sachverhalt bildlich erläutert.
 
Kaum zu glauben: Burdinski bekam viele Antworten: Von der Allianz gab es eine Absage und den Hinweis, dass auch in Zukunft keine Meteoritenschutzversicherungen angeboten werden. Der Polizeihauptkommissar aus Lüneburg (und „Beauftragter für Love and Peace im Hier und Jetzt“) antwortete dem Guru mit „erleuchteten Grüßen“. Auf den Vorschlag „Geflügelsport“ in der Kaufhalle mit einem Tiefkühlhähnchen gab es zwar eine Absage, dafür aber das Angebot für ein Sponsoring in Form einer Erstausrüstung: „TK-Hinkel“ und Schutzhülle. 
 
Wunderbar absurd ist auch der Teil „Nummern“ in denen Rainald Grebe Texte Dietmar Burdinskis (auch aus seinem Bühnenprogramm) zusammengetragen hat. Ein kurzer Vorgeschmack aus „Die Baumschule“, in der Burdinski von seinem Beruf als Baumschullehrer berichtet: „Tanne in der letzten Reihe. Hör auf zu knacken. Pass auf! […] So jetzt Rechnen: Birke: Wie viel ist Birke geteilt durch Axt? Was? Falsch! Birke geteilt durch Axt = Kleinholz.“ Im Buch Dietmar steckt so viel Humor, dass es mir schwerfällt es wegzulegen: „80er Jahre. Ich war auf einer einfarbigen Hochschule – einer Uni.“ Vieles kommt mir bekannt vor – Rainald Grebe nahm zahlreiche Textfragmente in sein Programm auf. 
 

 
Zum Buch Dietmar: Dietmar Burdinski (1959 – 2010), war Humorist, Autor „undundund“. Im Quatsch Comedy Club war er seit 1992 dabei. 1998 erscheint sein Buch „Der Letterman“. Ab 2004 ist er hinter den Kulissen bei „Dittsche“ mit Olli Dittrich u.a. dabei. Für zahlreiche seiner Kollegen, darunter auch Rainald Grebe, schrieb er. Grebe beschreibt das Besondere an Burdinskis Humor: „Das hat mit gewöhnlicher Satire nichts mehr zu tun. […] Themen und Dinge und Meinungen dieser Welt werden bei Dietmar aufgelöst in Luft und Lachen. Sie sind gar nicht mehr vorhanden. Es geht gar nicht mehr um sie. Sondern um das Nichts dahinter.“

 

2010 stirbt Dietmar Burdinski. Das Buch versammelt einen breiten Querschnitt seines Schaffens: Die besten Nummern, „Der Letterman“, fragmentartige Notizen und Tagebucheinträge, „Die Hypochonder Rundschau“ und Grüße an Dietmar von seinen Weggefährten – Olli Dittrich, Thomas Hermanns, Bastian Pastewka, Jess Joachimsen und vielen mehr. Das Buch ist aufwendig gestaltet, viele Fotos, eine CD mit 13 Originalaufnahmen und einem Video machen „Das Buch Dietmar“ zu einer Schatztruhe, für alle, die sich gern den „Meisterwerken eines großen Humoristen“ annähern wollen. Dietmar Burdinski war „vielen zu Lebzeiten unbekannt. Das wird sich jetzt hoffentlich ändern“, steht im Klappentext. Zurecht! Das „Buch Dietmar“ ist großartig. 
 
Also: „Hier lest, das ist großartig!“ von Susann
 
Rainald Grebe (Hg.): Das Buch Dietmar – Dietmar Burdinski
Meisterwerke eines großen Humoristen
Verlag Volant & Quist, Dresden und Leipzig 2012
281 Seiten
24,90 Euro
ISBN: 978-3-86391-015-0

Dieser Beitrag wurde unter Rezensionen, Tolle Sachen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar