Rezension:
Joël Dicker ‚Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert‘

Buchcover: Piper Verlag

Gerade einmal 28 Jahre alt ist der Autor dieses außergewöhnlichen Werks. Das Adjektiv ,außergewöhnlich‘ ist nicht etwa aus Mangel an Synonymen gewählt, sondern deshalb, weil Dicker es schafft, dass sein Roman über einen Schriftsteller mit Schreibblockade zu einem spannenden Krimi heranwächst, der zugleich vielschichtig, intelligent, witzig und dadurch eben außergewöhnlich ist.
 
Marcus Goldman ist (ebenfalls) ein gefeierter  junger Autor, der mit seinem Erstlingswerk sofort einen Bestseller zustande gebracht hat. Nun müsste er sich eigentlich um ein Nachfolge-Buch kümmern, denn wer sich zuviel Zeit lässt, wird schnell wieder vergessen. Anfangs noch recht sorglos und voller Hoffnung, dass die Inspiration ihn schon zu gegebener Zeit wieder beglücken würde, wächst sein Problem zu einer festen Schreibblockade heran, aus der ihm nur Harry Quebert, sein Literatur-Professor, ehemaliger Mentor und Freund helfen kann. Harry ist selbst ein berühmter Schriftsteller, der es ebenfalls mit seinem Erstling „Der Ursprung des Übels“ zu Erfolg und Ruhm gebracht hat, mittlerweile aber zurückgezogen in dem kleinen Städtchen Aurora wohnt. Als er sich schon fast mit dem Scheitern und einer Klage seines Verlages abgefunden hat, erreicht Marcus die Nachricht, dass in dem Garten auf Harrys Grundstück eine Leiche gefunden wurde.
Es ist die 15-jährige Pastorentocher Nola Kellergan, die vor mehr als 30 Jahren spurlos verschwand und mit der Harry ein Verhältnis hatte. Bei ihr findet man zu Harrys Unglück ein Manuskript seines Buches „Der Ursprung des Übels“; er wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Marcus, der von dessen Unschuld überzeugt ist, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und deckt immer mehr kleine und größere Ungereimtheiten und Tatsachen auf, die bislang unter den Teppich gekehrt wurden. Immer häufiger bekommt er anonyme Drohungen und beschließt nach und nach ein Buch über Harry und Nola zu schreiben, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Marcus‘ Verleger Roy Barnaski hätte zwar lieber ein zweites „Shades of Grey“, ist aber dennoch überzeugt, durch den Medienrummel um Queberts skandalöse Affäre und vielleicht sogar Mord wird das Buch wie eine Bombe einschlagen.
 
Barnaski hörte mir schon nicht mehr zu. Er war bei den Drohungen hängen geblieben.
„Drohungen?“, wiederholte er. „Das ist ja phantastisch! Das gibt eine Wahnsinns-PR! Stellen Sie sich vor, jemand verübt einen Mordanschlag auf Sie, dann können Sie an die Verkaufszahlen glatt eine Null dranhängen! Und locker zwei, wenn Sie dabei draufgehen!“
„Vorausgesetzt, ich kriege das Buch vorher fertig.“
 
Im Laufe der Ermittlungen, zeigt sich, dass viele Bewohner der Stadt mehr oder weniger aktiv in den Fall verstrickt sind, auch Harry nicht ganz unschuldig ist und am Ende nichts ist, wie es den Anschein hatte.
 

Foto: Jeremy Spierer

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist in drei übergeordnete Teile gegliedert: ,Die Schriftstellerkrankheit‘, ,Die Genesung des Schriftstellers‘ und ,Das Paradies der Schriftsteller‘. Die 31 (Überlebens-)Tipps für Schriftsteller, die Harry an seinen Schützling Marcus weitergab, bilden die kleineren Kapiteleinteilungen und sind jeweils in Form eines kurzen Dialogs an deren Anfänge gestellt.
 
Menschen, die mit der Medien- und im Besonderen der Buchbranche verbandelt sind, werden an vielen Stellen zustimmend nicken, weil sie ähnliches selbst erlebt haben. Für andere ist es ein interessanter Einblick, den Dicker gewährt, und der in Bezug auf die Medialität hochaktuell ist. Etwa wenn er den Verleger Roy Barnaski erzählen lässt, dass Werbung mittlerweile viel effektiver über das Internet und insbesondere über soziale Netzwerke wie Facebook, quasi als virale Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert; man braucht einen sogenannten Buzz, einen Aufreger, über den gesprochen wird und schon geht eine Nachricht um die ganze Welt.(„Die Nutzer von Facebook sind nichts anderes als kostenlose Werbeplakate.“)
Aber auch die Abgründe in solch typisch idyllischen Kleinstädten, in denen auf den ersten Blick alles perfekt scheint, es aber unter der Oberfläche gewaltig brodelt, sind von Dicker anhand vieler Charaktere eindrucksvoll beschrieben, ohne einseitig zu bleiben.
 
Ein sehr empfehlenswertes Buch!
 
Joël Dicker – Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
Piper Verlag, August 2013
Übersetzt von: Carina von Enzenberg
736 Seiten
22,99 EUR
ISBN: 978-3-492-05600-7
 
von Nicole

Dieser Beitrag wurde unter Rezensionen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar