Mawrik wollte als Kind schon Streetart-Cowboy werden. Ein Interview

Wer in Erfurt in den letzten Monaten nicht ganz blind durch die Straßen gelaufen ist, dem dürfte möglicherweise der Name Mawrik ins Auge gefallen sein. Mawrik ist Streetartist und möbelt die etwas eingeschlafene Urbanart-Szene in Erfurt ordentlich auf. Seine Arbeiten schießen momentan wie Pilze aus dem Boden und verzieren mit sozialkritischen oder witzigen Botschaften Fassaden und Wände. Mit Stencils, Kacheln und Postern macht er sich die Stadt zu seinem eigenen Freiluftmuseum.

Mir persönlich sind Mawriks Arbeiten in letzter Zeit immer häufiger (positiv) aufgefallen und als ich vor ein paar Wochen mit angebrochenem Arm ins Klinikum gegangen bin und am Eingang lesen durfte: „112 – Stirb an einem anderen Tag“ und mich das trotz des verletzten Arms zum Schmunzeln brachte, hab ich beschlossen unbedingt mehr über diesen neuen Erfurter Streetartist herauszufinden. Glücklicherweise war Mawrik so freundlich meine Neugier zu stillen und gab mir ein ausführliches Interview, in dem er über Streetart im Allgemeinen, seine eigenen Arbeiten, politische Missstände und über Erfurt spricht. von Steffi
 

© Mawrik

Deine Arbeiten schießen gerade aus dem Boden wie Pilze, wo kommst du so plötzlich her?

Ich bin ehrlich gesagt selbst davon überrascht, wie schnell die Leute auf meine Sachen aufmerksam geworden sind. Das hätte ich so gar nicht erwartet. Ich habe schließlich erst vor einem Jahr begonnen mich mit Streetart auseinanderzusetzen. Ich bin seit jeher ein kreativer Mensch und habe mir immer Möglichkeiten gesucht, dieser Kreativität Ausdruck zu verleihen. Das schöne an Streetart sind die schier grenzenlosen Möglichkeiten, die du hast um einer Idee eine Form zu geben.
 
Warum nennst du dich Mawrik?

Das ist nur ein Name, der nur soviel Bedeutung besitzt, wie man ihm selbst beimessen möchte. Wenn du jemanden auf der Straße kennenlernst und er dir sympathisch ist, ist es doch egal, ob dieser jemand Mawrik, Klaus oder Elfriede heißt. Für was die Person steht, ist entscheidend. Und die Persönlichkeit eines Künstlers sind schlussendlich seine Inhalte und sein Stil, nicht sein Name.
 
Was ist Streetart und was bedeutet es für dich? Was macht für dich gute Streetart aus?

Streetart ist eine Kunstform, die den öffentlichen Raum als Kommunikationsplattform begreift. Die Idee ist übrigens gar nicht neu. Wenn man durch die Stadt läuft, sieht man an jeder Ecke Straßenschilder, Werbetafeln, Schaufenster, Plakate, usw. Wo du auch hinschaust, die Stadt spricht mit dir, wenn du ihr zuhörst. Allerdings sind viele Menschen die Inhalte einfach leid. Ein gutes Beispiel hierfür war bis vor Kurzem die Ecke Kettenstraße/Paulstraße in Erfurt. Dort wird ein Haus saniert und am Baugerüst hing einige Wochen lang eine riesige Werbeplane, die eine halbnackte Frau zeigte, die am Strick baumelt. Keine Ahnung wofür die Werbung machen wollten, aber es ist mehr als geschmacklos und ich kenne viele Leute, die sich maßlos darüber aufgeregt haben. Und Streetart ist in gewisser Weise ein Gegenentwurf hierzu, weil sie keinen Selbstzweck hat. Streetart will niemanden etwas um jeden Preis verkaufen oder vorschreiben. Es geht darum den Menschen bei ihrem Weg durch die Stadt etwas Sinnvolles zu erzählen, sie zum lachen zu bringen oder ihnen neue Perspektiven auf eine Sache zu eröffnen. Das ist für mich „gute Streetart“.


 
Was motiviert dich dazu Streetart zu machen?

Anfangs war es nur das Verlangen meiner Kreativität eine Projektionsfläche zu geben. Mittlerweile motiviert es mich, dass unheimlich viele Menschen positiv auf meine Bilder reagieren und sich damit identifizieren können.
In einer große Stadt wie Erfurt gehört Streetart einfach auch dazu. Vielen Leuten macht es Spaß in ihrer Stadt noch etwas entdecken zu können, sich zu amüsieren oder nachzudenken, statt die ewig gleichen Fassaden und Geschäfte abzulaufen. Viele deutsche Innenstädte sind durch Politik und Wirtschaft zu reinen Orten des Kaufen und Verkaufens degradiert worden. Ich denke der Erfolg von Streetart beruht darauf, dass die Stadtbewohner dadurch das Gefühl bekommen, ihre Stadt sei lebendig. Darüber hinaus ist die Kunst, die auf der Straße stattfindet jedem zugänglich. Dafür braucht man keine Eintrittskarte wie etwa im Museum oder Theater.

 

Was willst du mit deinen Arbeiten ausdrücken? (Willst du kritisieren, die Gesellschaft vorführen oder auf politische Missstände hinweisen?)

Es gibt keine Mawrik-Programmatik. Was ich mit meinen Arbeiten ausdrücken möchte, ist deshalb von Fall zu Fall verschieden. Zum Teil sind die Bilder hochpolitisch, dann aber auch wieder banal und bloße Reminiszenzen an meine Kindheit. Ich lege großen Wert auf Ästhetik und Unterhaltung, denn das erzeugt Verständnis und Aufmerksamkeit. Thematisch legt sich Mawrik also auf nichts fest.
Da du aber mit politischen Missständen schon mal angefangen hast, gebe ich gern meinen Senf dazu: Allgemein gesagt, halte ich unsere Weltgesellschaft für eine einzige Krise. Probleme werden erzeugt, um auf einem qualitativ niederen Niveau gelöst zu werden. Es bleibt spannend, ob sich die Menschen wirklich in einer ewigen Wiederkehr des Gleichen zwischen Krise und Aufschwung aufreiben lassen. Ich glaube weder an eine Reformierbarkeit des Systems noch an eine klassische Revolution. Exakt vor 100 Jahren, am Vorabend des Ersten Weltkrieges existierte die gleiche Krisenstimmung. Besonders die künstlerische Avantgarde sehnte den Untergang der wilhelminisch verkrusteten Gesellschaft herbei. Vielleicht stehen wir wieder an so einer Schwelle. Versteh mich nicht falsch, ich sehne keinen Krieg herbei – das wäre furchtbar – ich rede von Veränderung. Denn so wie es ist, sehen wir uns einer immer wiederkehrenden ökonomischen Krise ausgesetzt, bei der jedes Mal ein Haufen Leute unter die Räder kommt.
Deshalb würde ich meine „Programmatik“, mit einem Augenzwinkern, als apokalyptischen Galgenhumor beschreiben.
 
Von was lässt du dich inspirieren?

Kunst, Musik, Literatur, Politik, Geschichte, ja auch Ereignisse die in und um Erfurt passieren, können als Inspiration dienen. Oft karikiere ich meinen eigenen Alltag. Es gibt zum Beispiel ein Paste-Up, auf dem ein Typ sein Gehirn in sein Smartphone presst. Jeder kann das natürlich interpretieren, wie er möchte, ich für meinen Teil entdecke darin meine eigene Abhängigkeit von der modernen Technik. Ein Smartphone ist super praktisch, aber ich ertappe mich oft dabei, wie ich damit ziellos im Internet stöbere und Zeit verschwende. Es ist Fluch und Segen.
 
Wie nimmst du selbst Erfurts Graffiti/ Streetart-Szene wahr?

Streetart gibt es in Erfurt relativ wenig. Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass ich so schnell Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe. Die Graffiti-Szene kann ich schwer beurteilen. Es gibt eine Reihe von Writern und Crews, die mir ein Begriff sind und die ich für ihre Arbeiten auch sehr schätze. Aber ich kenne niemanden persönlich.
 

Nach welchen Kriterien wählst du die Plätze aus, an denen du deine Kunst anbringst und präsentierst?

Ich wäge die Spots (um mal einen Begriff aus dem Graffiti-Jargon zu gebrauchen) hauptsächlich zwischen Sichtbarkeit und Haltbarkeit ab. Eine frisch verputzte Fassade meide ich in der Regel und sehr private Wände, wie von Einfamilienhäusern kommen überhaupt nicht in Frage.
In Erfurt wird die Situation aber immer schwieriger. Leerstand wird seltener und alte, verfallene Gebäude werden restauriert. Die Räumung des Besetzten Hauses, mit seinen offenen Wänden für Graffiti und Streetart, war nur die Spitze des Eisberges.
Erfurt wird systematisch gentrifiziert. Wir alle sind Zeugen eines rasant steigenden Mietpreises in der Stadt und die Immobilienmakler verdienen sich eine goldene Nase. Außerdem wird in Erfurt gnadenlos überrestauriert. Auf jedes halbwegs historische Gebäude wird eine neue Schicht Farbe geklatscht, statt sie in ihrem „historical look“ zu stabilisieren. Viele FH-ler, die Restauration oder Architektur studieren, sind darüber entsetzt.
Und hochwertige Graffiti-Bilder oder Streetart-Malereien werden in Erfurt häufig aus Prinzip entfernt. Ein sehr schönes Bild wurde zum Beispiel an der langen Brücke von der Wand gekratzt! Wirklich gekratzt – bis das der Putz bröckelt. Die Wand sieht beschissener aus denn je, aber Hauptsache kein Graffiti.
 
Hast du ein Auge darauf wie lange deine Arbeiten noch an Ort und Stelle sind?

Ab und an schaue ich darauf. Wenn ich durch die Straßen laufe und mir einfällt, dass ich in der Nähe mal was gemacht habe, gehe ich auch mal einen Umweg, um zu schauen, ob es noch da ist oder sich vielleicht sogar verändert hat.
 
Bewertest du die Vergänglichkeit von Streetart als eher positiv oder eher negativ?

Vergänglichkeit ist eigentlich etwas Schönes. Ja ich finde die Vorstellung, dass nichts so bleibt wie es ist sogar sehr angenehm. Wenn man diesen Gedanken für sich annimmt, misst man dem gegenwärtigen Moment eine größere Bedeutung bei. Dennoch möchte ich natürlich, dass ein aufwendiges Motiv, lange zu sehen ist. Man sagt ja, dass man das Leben erst durch das Wissen über die Sterblichkeit zu schätzen lernt. Ich denke, ähnlich verhält es sich mit der Straßenkunst.
 
Streetart ist trotz des künstlerischen Aspektes nach wie vor illegal. Hattest du schonmal Probleme mit den Hütern von Recht und Ordnung? Bzw. Würde es dich hindern weiter zu machen?

Jeder hatte wohl schon mal Probleme mit den Hütern des Gesetzes. Aber in Sachen Graffiti möchte ich nur etwas zur allgemeinen Situation sagen: Ich finde es sehr schade, dass Streetart und Graffiti in unserer Gesellschaft kriminalisiert werden. Das liegt in erster Linie an dem gestörten Verhältnis, das wir zu unserem Eigentum besitzen. Leider muss ich aber auch sagen, dass viele Sprayer den Strafverhalt der Sachbeschädigung bagatellisieren. Ich finde es unnötig, an eine riesige weiße Wand ein kleines Namens-Tag zu sprühen, nur damit die Wand nicht mehr weiß ist. Farbe nur um der Farbe willen hat nichts mit Kunst zu tun. Ich für meinen Teil möchte niemanden mit meinen Bildern schaden, im Gegenteil. Aber Kunst braucht Raum. Und eine Stadt die seine Jugend sträflich vernachlässigt – ja sogar das Besetzte Haus abreißen lässt (das hat mich und viele andere damals wirklich hart getroffen) – sorgt in gewisser Weise selbst dafür, dass illegal gemalt wird. Zumal es ja wohl nicht sein kann, dass die Polizei die Sprayer sogar tagsüber an den wenigen legalen Wänden aufgreift und ihre Personalien aufnimmt, nur um für etwaige illegale Graffitis Anhaltspunkte zu haben. Das ist Schikane und macht jede legale Wand zu einer Farce.
Ich würde mich freuen, wenn lokale Medien diesen Missstand häufiger thematisieren würden. Thüringen ist ein Bundesland mit großer künstlerischer Tradition. Aber alles wo nicht Goethe, Schiller oder Bauhaus draufsteht, ist erstmal zweitrangig oder fällt vollkommen unter den Tisch. Viel kreatives Potential geht somit verloren. Das ist schade.
 
Mit was können wir in nächster Zeit noch so von dir rechnen?

Ich würde gern irgendwann eine Ausstellung machen. Am liebsten in den Straßen von Erfurt, wo Streetart nun mal auch hingehört. Aber dafür muss ich mir erstmal ein paar Konzepte überlegen, die in diesem Zusammenhang funktionieren. Man wird sehen, was kommt.

Irgendwelche letzten Worte?

Vielen Dank für das Interview.

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2 Kommentare zu Mawrik wollte als Kind schon Streetart-Cowboy werden. Ein Interview

  1. Hallo Steffi,
    interessantes Interview mit Mawrik.

    Wir haben ebenfalls seit ein paar Wochen mit Mawrik an einem Interview gearbeitet, welches nun ebenfalls veröffentlicht wurde.

    Wenn jemand Interesse hat, kann er es unter folgendem Link nachlesen:

    http://kollektive-offensive.blogspot.com/2013/09/112-stirb-einem-anderen-tag-das_23.html

    Grüße!

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