Sommerlektüre: Fünf Bücher für den Urlaub – Teil 4

von Susann

© dtv premium

Kurze Geschichte des Traktors auf ukrainisch – Marina Lewycka
„Er war vierundachzig, sie sechsundreißig. Wie eine flauschige rosa Granate schoss sie in unser Leben […].“ Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Der betagte Vater der Erzählerin verkündet die Hochzeit mit der üppigen Blondine Valentina aus der Ukraine und  löst damit heftige Turbulenzen in der Familie aus. Die zwei verfeindeten Töchter vereinen sich daraufhin in der gemeinsamen Absicht, „die böse Stiefmutter“ mit Hinterlist aus dem Leben ihres Vaters wieder zu verdrängen. Mit einer großen Portion Komik werden verschiedene Problemfelder aufgearbeitet: Integrationsbereitschaft, europäische Identitäten und die tragisch-amüsante Familiengeschichte mit vielen Verwirrungen eines alten Mannes, der einer geschiedenen Ukrainerin zu einer Aufenthaltserlaubnis in Großbritannien verhelfen möchte. Das Schmunzeln beim Lesen verfliegt aber, wenn in kurzen Einschüben auf die ukrainische Geschichte unter Stalin verwiesen wird.

 

© fischer Verlag

Global Fish – Rainald Grebe
Rainald Grebe kennt man vor allem wegen seiner lustigen, ironischen Liedtexte und Länderhymnen wie „Thüringen“. In seinem Erstlingsroman erzählt er die verstörende Geschichte des Einser-Abiturienten Thomas Blume, der nach der Schule auf einem Schulschiff der Reederei „Salt&John“ anheuert. Die Tour über die Meere entwickelt sich fantastisch, abstrus und schnell, sodass man am Ende des Buches nicht mehr weiß, wie man zu diesem Punkt gelangen konnte. Verworren erzählt, aber mit unglaublich viel Witz, klugen Wortspielen und wunderbaren Gedichten, Dialogen und Gedanken gespickt: „Die Zeit steckte in meiner Tasche, immer schön griffbereit, wie eine Tafel Schokolade war sie von der Art, ein Stückchen, magst ein Stückchen ab? Kann man lutschen oder beißen nach Geschmack, […]“. Eines der besten und ungewöhnlichsten Bücher aus den letzten Jahren und unglaublich gut am Strand zu lesen. Wenn man Rainald Grebe auch schon als Liedermacher mag, wird man in „Global Fish“ viel Parallelen entdecken und den Roman lieben.

 

© Dumont

Karte und Gebiet – Michel Houellebecq
Jed Martin ist schwierig, penibel, chaotisch, lebt in Paris und ist Künstler. Eine Fotografie-Serie von „Michelin“-Karten macht ihn berühmt und durch eine Portraitserie schafft er den Durchbruch. Seine Ausstellungen sind große Erfolge, Geld ist in unverhältnismäßigen Mengen vorhanden. Spannend und leichtfüßig erzählt der Roman von der übertrieben gehypten Kunstszene, der französischen oberen Gesellschaft und von unerfüllter Liebe.
Was ich an dem Buch besonders mochte: Houellebecq gibt sich selbst eine Rolle als exzentrischer, eremitischer Schriftsteller, der allein in der französischen Provinz wohnt und auf bestialische Weise ermordet wird. Jed Martin hilft der Polizei bei der Aufklärung des Verbrechens, einst hatte er den Schriftsteller gemalt. Ein Kriminalroman, der spannend, klug und humorvoll erzählt ist.

 

© ullstein

Die Känguru-Chroniken (2009) + Das Känguru-Manifest (2011) – Marc-Uwe Kling

Ein Känguru als Nachbar? Ungewöhnlich? Nicht für den Erzähler, der geht sehr entspannt mit dem nervigen Känguru um, das keiner geregelten Arbeit nachgeht, zudem noch Kommunist und immer ein bisschen auf Konfrontation aus ist. Eine echte Männer-Känguru-Freundschaft entwickelt sich in den Kurzgeschichten. Das „Revoluzzer“-Manuskript „Opportunismus & Repression“ hat das Känguru unveröffentlicht, neben vielen anderen Dingen, in seinem Beutel und zitiert immer wieder daraus. Absurde und urkomische Verstrickungen machen die zwei Bände von Marc-Uwe Kling sehr lesenswert.

 

© Rowohlt

Die New York-Trilogie – Paul Auster
Mit den drei Geschichten „Stadt aus Glas“, „Schlagschatten“ und „Hinter verschlossenen Türen“ hat Paul Auster eine Trilogie von Romanen zusammengefasst, die sich an zahlreichen Stellen in einander verschränken. Die Verweise in den auf den ersten Blick klassisch wirkenden Detektivgeschichten sind für mich fast spannender als die fesselnden Geschichten selbst. Observationen, Obsession und immer neue Unklarheiten binden den Leser in die Erzählung ein, auch wenn viel Fragen am Ende offen bleiben. Ungewöhnlich ist auch: In allen drei Teilen des Buches geschieht kein Mord, es gibt keinen „Fall“, der untersucht werden kann. Die Protagonisten geraten in Situation, aus denen sie sich nicht lösen können und sich letztendlich verlieren. Die fesselnde Spannung wird mit der Beschreibung New Yorks gekrönt, welche den Leser die Anonymität und Einsamkeit in der Metropole fühlen lässt. Mein absolutes Lieblingsbuch.

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