Sommerlektüre: Fünf Bücher für den Urlaub – Teil 2

von Nicole

© Goldmann

Gut gegen Nordwind – Daniel Glattauer

Dieses fantastische Buch ist etwas besonderes: ein E-Mail-Roman, in dem es keinen Erzähler, sondern eben nur die Mails der zwei Hauptpersonen gibt. Es klingt vielleicht experimentell, funktioniert aber einwandfrei.
Inhalt: Emmi Rothner will eigentlich nur ein Zeitschriften-Abo kündigen, doch ihre Mails landen immer wieder beim Sprachpsychologen Leo Leike. Beide verstehen sich aufs Schreiben und das sich entspinnende Wechselspiel zwischen Fremdheit und Intimität zieht sie mehr und mehr an. Doch können die aufkeimenden Gefühle auch einer echten Begegnung standhalten?
PS. Wer dieses Buch für den Urlaub wählt, sollte sichergehen, dass es eine Buchhandlung vor Ort gibt, bei der es auch den zweiten Teil („Alle sieben Wellen“) gibt. Oder man kauft sich gleich die Version, in der beide Teile integriert sind.

 

© Blessing Verlag

Tanz unter Sternen – Titus Müller

Dieser Roman ist eine Reise in das Jahr 1912. Mitten im eifrigen Wettrüsten der europäischen Länder steht die Fertigstellung der Titanic, dem bekanntesten Luxusdampfer der Welt und mit ihm die Familie Singvogel bestehend aus dem ärmlichen, hypochondrisch veranlagten Pastor Mattheus, seiner aus reicher Bankiersfamilie stammenden Frau Cäcilie und ihrem Sohn Samuel. Cäcilie wird von einem britischen Spion – von dessen Tätigkeit sie selbstverständlich nichts ahnt – umgarnt, Mattheus hat mit seinen pastoralen Aufgaben alle Hände voll zu tun. Um seine merklich kriselnde Ehe zu kitten, bucht er eine Fahrt auf der Titanic. Was er nicht ahnt: Zum einen ist auch der britische Spion sowie die titelweisende Tänzerin Nele an Bord, zum anderen wird die Jungfernfahrt der Titanic gleichzeitig ihre letzte sein und dadurch das Leben der Kleinfamilie völlig aus der Bahn werfen.
Ein spannender, wundervoll geschriebener Roman, der ein komplexes Hintergrundbild von der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts malt!

 

© Aufbau Verlag

Das Regenorchester – Hansjörg Schertenleib

Von seiner Frau verlassen, versucht der in Irland lebende Schweizer Autor mehr schlecht als recht sein Leben wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, als er der über 60-jährigen Irin Niamh begegnet. Sie hat ihn als Schreiber ihrer Biografie auserkoren – wie man zwischendurch erfährt, ist sie schwer krank – und so treffen sich die beiden regelmäßig zum Tee. Niamh erzählt dem Fremden ihre Lebensgeschichte; wie sie als junges Mädchen aus armen Verhältnissen in Irland aufgewachsen ist, von der ersten Arbeit, der ersten Liebe, der ersten Enttäuschung, immer wieder von Neuanfängen, von Hoffnung und Heimat. Bei jedem Gespräch lernen sich die Protagonisten näher kennen, sodass sich im Laufe der Zeit eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen entwickelt.
Hansjörg Schertenleib erzählt diese schöne, berührende Geschichte mit bemerkenswerter Ruhe und einem beeindruckenden Gefühl für Sprache und Stimmung.


 

© KiWi-Paperback

Doppler – Erlend Loe

„Und als ich vorhin aufgewacht bin, habe ich vorm Zelt das Kalb gehört.[…]Es macht mir aktiv, ja lärmend Vorwürfe. Es will mich psychisch fertigmachen. Aber ich krieche tiefer in den Schlafsack hinein und ziehe ihn oben zu, bis mich nur noch ein Loch mit der Welt verbindet.“ Was ist passiert? Der Norweger Andreas Doppler ist in den Wald gezogen, sein Vater ist tot, er ist mit dem Rad gestürzt und ihm fiel auf, dass er Menschen und auch sein bislang geordnetes Leben nicht leiden kann. Um aber im Winter draußen zu überleben, musste er einen Elch töten und nun weicht dessen Kalb nicht mehr von seiner Seite. Und nicht nur das, bald finden sich naturfreudige Nachahmer…
Diese zugegeben skurrile aber lustige Geschichte über einen Mann in der Midlife-Crisis sollte man sich als Hörbuch zulegen, denn, man wird durch Andreas Fröhlich (einer der ???-Sprecher), der dafür den Hörbuchpreis gewann, viel mehr Spaß beim Hören als beim Lesen haben – zumindest ging es mir so.

 

© Rowohlt Verlag

Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten – Daniel Kehlmann

Da ist der zuständige Mobiltelefongesellschaftsmitarbeiter Mollwitz mal eben mit dem Internetsurfen statt seiner Arbeit beschäftigt und schon landen die Anrufe eines gewissen Ralfs beim stillen Techniker Ebling, der sich gerade erst zu einem Handykauf durchringen konnte. Nach anfänglicher Ablehnung, findet er immer mehr Spaß daran, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen. Keinen Gedanken verschwendet er daran, dass er durch seine Telefonate das Leben des echten Ralf völlig aus der Bahn wirft, denn was tut ein berühmter Schauspieler, der plötzlich nicht mehr angerufen wird?!
Daniel Kehlmann gelingt es scheinbar mühelos neun Geschichten mit verschiedenen Themen, Figuren, Ereignissen und Ebenen zu erschaffen, die schon einzeln lesenswert sind, in ihrer Gesamtheit aber erst wahre Raffinesse enthüllen, wenn man peu à peu so manche Zusammenhänge erkennt.

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