Rollerderby Erfurt. Ein Selbsttest

Rollerderby Erfurt

Was zur Hölle habe ich mir eigentlich dabei gedacht, fragte ich mich, als ich wackelig wie ein junges Fohlen mit Knieschonern und Helm ausgerüstet und mit acht Rollen unter meinen Füßen in der Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle stand und im Begriff war, mit sieben rollwütigen Mädels am Rollerderby Training teilzunehmen.
 
In Vorbereitung dessen habe ich einige Artikel gelesen und ein paar YouTube Videos geschaut. Doch das hätte ich lieber lassen sollen. Von überfahrenen Fingern, ausgekugelten Schultern und einer Menge blauen Flecken ist da die Rede. Zimperlich sollte man da lieber nicht sein. Also eigentlich eher das Gegenteil von mir.
 
Rollerderby ist ein Vollkontaktsport auf Rollschuhen, wohlgemerkt keine Inline Skates sondern Quads, der hauptsächlich von Frauen betrieben wird. Bei einem Spiel treten zwei Teams mit jeweils fünf Spielerinnen, d.h. jeweils vier Blockern und einer Jammerin, gegeneinander an. Die Jammerin versucht durch die Blocker (das Pack) der gegnerischen Mannschaft hindurch zukommen. Für jeden überholten Blocker erhält das Team einen Punkt. Die Blocker versuchen ihrer eigenen Jammerin zu helfen durch das Pack hindurch zukommen und gleichzeitig die gegnerische Jammerin am überholen zu hindern. Stöße mit der Schulter oder der Hüfte sind dabei erlaubt, es kann also auch etwas rabiater zu gehen und Helm, Knie-, Hand- und Ellenbogenschoner sowie Mundschutz sind also Pflicht. Außerdem gibt es ein umfangreiches Regelwerk, um Gefahren zu vermeiden und sicheres Spielen zu ermöglichen.
 
Ich bin nicht gerade robust, sportlich, geschickt oder für meine besondere Kräftigkeit bekannt. Aber manchmal muss man sich eben aus seiner Komfortzone heraus bewegen um etwas Großartiges zu erleben. Und so stand ich am Montag pünktlich um 18.00 Uhr mit schlackernden Beinen und rasendem Herz in der Trainingshalle. Aber für Aufregung war dann schon keine Zeit mehr. Trainerin Lara Weiss, die den Derbynamen Grumpy Crump trägt, involvierte mich direkt in das Abstecken des Flat Track, einer ebenen Bahn auf der die Rollerderby Mädchen ihre Kurven drehen. Nach einem Prinzip, dass mir nur teilweise klar wurde und mit Hilfe einer Schnur, an der in verschiedenen Abständen verschieden farbige Schlüsselanhänger baumelten und einigen Hütchen, steckten wir das Feld ab. Das Ergebnis: eine ovale Bahn, 30 Meter lang, 18 Meter breit.
 
Dann ging es ans Aufwärmtraining, einige Runden schnell Fahren, zwischendurch immer wieder ein kräftiger Pfiff, alle lassen sich mehr oder weniger gekonnt auf den Boden fallen, die Knieschoner schleifen über den Betonboden und dann werden verschiedene Kraftübungen durchgeführt. Gefühlte 1.000 Situps und scheinbar unendliches Verharren im Unterarm-Stütz in Bauchlage ließen mich nach Jahren der professionell betriebenen Sportabstinenz spüren, dass ich so etwas wie Muskeln besaß und diese schmerzten – auch heute noch.
 
Im Anschluss wurde es zwar weniger anstrengend dafür aber schwieriger. Wir lernten das sogenannte leaning, also zu zweit Schulter an Schulter gedrückt zu fahren, was man für das Fahren im Pack üben muss. Als ob das nicht ohnehin schon meine gesamte Konzentration erfordern würde, sollten wir dann auch noch darauf achten, dass niemand an uns vorbei fährt. Es lief eher so mäßig für mich und meine Mitstreiterinnen, aber es machte Spaß und obwohl ich (noch) nicht dazugehöre regte sich in mir bereits das Gefühl von Gemeinschaft und Teamgeist.
 
Auch beim Slalomfahren durch die anderen ebenfalls fahrenden Rollergirls und den verschiedenen Bremstechniken wurde mein ganzes Geschick gefragt. Obwohl Gleichgewicht und Koordination normalerweise nicht gerade meine Stärken sind, habe ich mich, denke ich, ganz gut geschlagen. Und entgegen meiner etwas überzogenen Befürchtungen ging es beim ersten Training recht harmlos zu. Ich wurde nicht angerempelt, umgeschubst oder verletzt. Lara Weiss erklärte mir, dass viel seltener wirklich schlimme Verletzungen vorkommen als man annimmt. Bisher sind blaue Flecken und ein verstauchter Fuß die einzigen Blessuren die ihre Mädchen davon getragen haben.
 
Die Erfurter Spielerinnen sind selbst noch am Anfang ihrer Rollerderby Karriere. Erst im Winter 2012 gründete Lara Weiss den Rollerderby Erfurt e.V. und konnte seitdem zehn feste Mitglieder für diesen außergewöhnlichen und abwechslungsreichen Sport gewinnen. Sie selbst lernte Rollerderby in Chicago kennen und ist seitdem im Derbyfieber und fegte schon in Amsterdam, Den Haag und Kassel auf heißen Rollen über den Track. Da es in Erfurt noch kein Rollerderby gab, ihr der Sport aber fehlte, hat sie die Sache einfach selbst in die Hand genommen.
 
Bisher trainieren die Sportlerinnen des Rollerderby Vereins Erfurt hauptsächlich für ihre Minimum Skills. Fertigkeiten wie richtiges Bremsen, Fallen und sicheres Fahren müssen die Spielerinnen erst beherrschen bevor sie an Wettkämpfen teilnehmen dürfen. Und auch erst dann erhalten sie ihren Derbynamen. Dieser gehört zum Rollerderby mindestens genauso dazu wie die Rollschuhe selbst. Der Derbyname ist immer einmalig, gern auch provozierend oder auf Wortspielen beruhend.
 
In circa einem halben Jahr lässt Lara ihre Mannschaft auf andere Rollerderby Teams los und richtige Scrimmage (Freundschafts-/ Übungsspiele) bestreiten. Bis dahin wird aber Montag, Mittwoch und Donnerstag jeweils zwischen 18.00 und 20.00 Uhr fleißig trainiert. Verstärkung für das Team wird noch dringend gesucht. Mitmachen kann jede die Lust hat etwas Neues auszuprobieren, sich reinzuhängen und eine rasante und vielseitige Sportart zu betreiben. Außer Spaß und Lust an der Sache sind keine Vorkenntnisse erforderlich, so Lara Weiss. Aber auch die Herren sind gefragt die sich als Referees (Schiedsrichter) beteiligen können. Bei Interesse einfach bei den sehr netten Damen des Rollerderby Erfurt e.V. melden. Per Mail über Facebook oder auf ihrer Homepage.
Und auch ich kann nur sagen: Mädels, probiert es aus. Es ist vielseitig, man wird fit und man hat auch noch Spaß dabei. von Steffi

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