Homeland – Hatufim. Ein Vergleichsversuch.

© Yanay Yechiel
Foto: ARTE France

Sie war die DIE Serie im Jahr 2011, jede Menge Auszeichnungen konnte sie einstreichen, vor allem für ihre Hauptdarsteller Claire Danes als überambitionierte CIA-Agentin Carrie Mathison und Damien Lewis als kaputter, undurchsichtiger Kriegsheimkehrer Nicholas Brody. Natürlich, die Rede ist von Homeland. Im Frühjahr 2013 wurde sie in Deutschland von Sat1 ausgestrahlt und erzielte traumhafte Quoten. Wer sich Homeland angeschaut hat, wird vielleicht gelesen haben, dass dies eine Adaption der israelischen Serie Hatufim ist. Autor und Regisseur Gideon Raff hat zuerst Hatufim geschrieben und später mit Howard Gordon und Alex Gansa an einer amerikanischen Variante, Homeland, gearbeitet. Dank Arte konnten sich die deutschen Zuschauer nun auch ein Bild des israelischen Originals machen. Worin sich die Story, der Fokus und die Charaktere der Serien unterscheiden und was sie sonst noch besonders macht, könnt ihr hier lesen.

Homeland – The nation sees a hero. She sees a threat.

Hatufim – In der Hand des Feindes

Story
Homeland: Carrie Mathison ist CIA-Agentin mit Leib und Seele. Im Irak bekommt sie den Tipp, dass ein amerikanischer Soldat umgedreht wurde, also zu den Terroristen übergelaufen sei. Als wenig später der seit acht Jahren vermisste und totgeglaubte G.I. Nicholas Brody gefunden und befreit wird, will ihn Amerika fortan als Kriegsheld sehen. Doch Carrie ist misstrauisch und versucht (auch eigenmächtig) nachzuweisen, das er der Schläfer ist, vor dem ihr Kontakt gewarnt hatte, und einen Anschlag plant.

Hatufim: Vor siebzehn Jahren wurden die israelischen Soldaten Uri Zach, Nimrod Klein und Amiel Ben Horin bei einem Einsatz im Libanon von den Hisbollah gefangen genommen. Nach jahrelangen Protesten in der Bevölkerung und politischen Verhandlungen, kommen Uri und Nimrod lebend, Amiel im Sarg, in ihre Heimat zurück. Uris einstige Verlobte Nurit ist mittlerweile mit seinem Bruder verheiratet und hat einen Sohn im Teenageralter. Bei Nimrod gibt es neben seiner Tochter Dana, die er als Zweijährige das letzte Mal gesehen hat, auch einen Sohn, Chatzav, außerdem ist seine Frau Talia diejenige, die das Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdient. Und Yael, die Schwester von Amiel, kann sich nicht damit abfinden, dass ihr Bruder gestorben ist. Die schwer traumatisierten, ehemaligen Kriegsgefangenen versuchen sich einzuleben und einen Alltag zu schaffen, was mehr schlecht als recht gelingt. Außerdem wird nach und nach gezeigt, was sie in ihrer Gefangenschaft durchmachen mussten.

© AFP

Hauptcharaktere
Homeland: Nicholas Brody, Soldat, acht Jahre im Irak verschollen. Er hat Geheimnisse, von denen einige nach und nach aufgeklärt werden, und auch die Motive für seine Taten werden deutlich, aber ob er tatsächlich zum Attentäter wird, bleibt in der ersten Staffel offen.
Carrie Mathison, CIA-Agentin mit geheimgehaltener bipolarer Störung. Sie ist so sehr darauf versteift, dass Brody der Überläufer ist, dass sie sämtliche Regeln bricht, um dies zu beweisen, und damit ihre Karriere aufs Spiel setzt. Durch die permanente Beschäftigung mit Brody fühlt sich mehr und mehr mit ihm verbunden bzw. zu ihm hingezogen. Ihr direkter Vorgesetzter und persönlicher Mentor Saul kann sie aus dem ein oder anderen Schlamassel retten.

Hatufim: Nimrod Klein, versucht nach der Heimkehr in seiner „neuen“ Familie und auch im Berufsleben Fuß zu fassen. Durch das große Trauma der Gefangenschaft, was bei ihm durch ein besonderes Ereignis noch verschärft ist, gelingt dies nur sporadisch. Sein Schweigen und eigenmächtiges Handeln stoßen immer wieder auf Unverständnis und führen zum Streit.
Uri Zach ist bei seinem Vater eingezogen und mit der Situation konfrontiert, dass seine große Liebe Nurit seinen Bruder geheiratet hat. Größtenteils passiv lebt er in den Tag hinein und lässt die Dinge auf sich zukommen.
Amiel Ben Horin/ Yael Ben Horin: Ganz nach dem Titelbild, auf dem Amiel und Yael Rücken an Rücken stehen, ist auch die Hauptrolle zweigeteilt. Amiel ist nur für Yael zu sehen, die mit ihm redet und noch nicht verarbeiten kann, dass er tot ist. So wird eigentlich gezeigt, wie ihr Leben weiterverläuft mit Amiel an ihrer Seite.

Fokus
Allein schon wenn man sich Titel und Untertitel der Serien anschaut, kann man den jeweiligen Fokus erkennen. Bei Homeland geht es zu großen Teilen um die äußere Wahrnehmung des Kriegsrückkehrers Nicholas Brody, darum, wie ihn die Gesellschaft aufnimmt und zum Helden stilisiert und was er im Gegensatz dazu für einen Eindruck auf die CIA – hauptsächlich Carrie – macht. Die Serie wird mehr und mehr zum spannenden Thriller, in dem Carrie und Brody Katz und Maus spielen.
Hatufim wartet hingegen mit einer inneren Sicht auf und ist die Personen betreffend komplexer und tiefgehender. Es wird gezeigt, wie sich die Hauptcharaktere nach ihrer Rückkehr verhalten und entwickeln, immer wieder durchzogen von (äußerst brutalen) Flashbacks der Tortur der Gefangenschaft, sodass der Zuschauer ein Gespür dafür bekommt, wie stark sich die Figuren noch immer „in der Hand des Feindes“ befinden.  

Fazit
Gideon Raff hat als Autor von Hatufim und Co-Autor von Homeland zwei Serien geschaffen, denen die grobe Geschichte von wiederkehrenden Kriegsgefangenen zugrunde liegt. Doch was sich daraus entwickelt, ist so unterschiedlich, ganz wie die Länder Israel und die USA selbst, sodass ein direkter Vergleich schwer fällt.
Homeland ist eindeutig eine amerikanische Serie, die den Fokus auf Action und Spannung legt. Man spürt die fatale, an Paranoia grenzende Angst, dass es irgendwo ein Sicherheitsleck gibt, dass mit allen Mitteln entdeckt und unschädlich gemacht werden muss, um Amerika zu beschützen. Was nicht kontrolliert werden kann, stellt eine potenzielle Bedrohung dar. Die Serie ist hochdekoriert, allen voran Claire Danes und Damien Lewis wurden absolut zurecht mit Preisen ausgezeichnet, nicht zuletzt wurde Homeland als „beste Serie aller Zeiten“ im deutschen Fernsehen angekündigt.  
Ganz anders wird bei dem israelischen Vorreiter Hatufim agiert. Die 17-jährige Gefangenschaft hat das vorherige Leben der beiden Hauptcharaktere völlig zunichte gemacht, sodass für sie jetzt fast kein Anknüpfungspunkt bleibt wieder in ihr gegenwärtiges Leben einzusteigen. Die erlebten Traumata sind in jedem Schritt, in jedem Gesichtsausdruck präsent und scheinen unüberwindbar. Der Thriller-Faktor von Homeland fehlt – umso mehr stehen die persönlichen Zwiespälte und Probleme sowie die Schrecken der Gefangenschaft im Vordergrund – hier gibt es eine leise, schleichende Fatalität. Die ganze Schauspieler-Riege, die in Hatufim auftritt, ist ebenfalls ausnahmslos fantastisch.

Mit ca. 1.500 Facebook-Likes kann Hatufim zwar nur ein Tausendstel von Homeland aufbringen und die Senderwahl Sat.1 vs. Arte zeigt, wo die Fernsehverantwortlichen das größte Publikumsinteresse vermuten, aber man kann man schon froh sein, dass man die Serien überhaupt zu Gesicht bekommt und (nun auf DVD) je nach Gusto entscheiden, was für eine Ausrichtung der Story einem besser gefällt.  

von Nicole

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