Der lauernde Tod
Eine Geschichte mit aussterbenden Wörtern

via weheartit

Nicht nur allerhand Tiere, passable Männer und gute Manieren sind vom Aussterben bedroht, sondern auch Wörter. Unsere Sprache entwickelt sich so rasant, dass man schon als Endzwanziger neben einer Gruppe Jugendlicher stehend, bereits nach den ersten zwei Sätzen gedanklich aussteigen muss, weil man keinen Schimmer hat, wovon die reden. Das kleine aber wirklich feine und interessante Heftchen „Duden: Unnützes Sprachwissen“ zählt 24 von diesen fast toten Wörtern auf. Ich gebe zu, die Hälfte musste ich nachschlagen, aber einige Wörter, wie beispielsweise „Sommerfrische“ oder „Laufpass“ dürften in sogut wie jeder Altersklasse noch bekannt sein. Weil die bloße Aufreihung der Wörter zu ungestalt und langweilig wäre, wurde der Versuch gestartet mit ihnen einen halbwegs annehmbaren Text zu zimmern und ihnen noch einmal etwas Leben einzuhauchen. Mal sehen, ob ihr die 23 verwendeten Ausdrücke herausfiltern könnt. 
 
Es läutete. Albert Kestner schrak auf. Das laute Schrillen und ein stechender Schmerz im Rücken ließen in ihm die Erkenntnis reifen, dass er gar nicht, wie zuerst angenommen, in seinem Bett, sondern auf der Chaiselongue im unterem Wohnzimmer geschlafen hatte. War es gestern Abend wirklich so spät gewesen? Alberts Kopf schien noch nicht wach genug, diesen Gedanken weiterzuführen. Erneut ertönte die Glocke. Wo war das Gesinde, wenn man es benötigte? Langsam erhob er sich und wankte zur Tür. „Verzeihung, dass ich so früh inkommodiere, aber ich habe eine dringende Depesche für Ihre Frau Gemahlin.“, flötete der Postillon heiter. Vermutlich hatte er mehr Schlaf bekommen in der vergangenen Nacht. Seitdem diese neumodernen Rollschuhe benutzt wurden, um die Post zu verteilen, konnte die Arbeit vermutlich in viel kürzerer Zeit bewältigt werden. Das musste der Grund sein, warum die Kastanienallee schon anderthalb Stunden früher als sonst an die Reihe kam. Kestner krächzte etwas Unverständliches und schloss die Tür. Pfff. ,Ihre Frau Gemahlin‘ hatte der Bursche gesagt? Wie lange hatte er sie eigentlich schon nicht mehr gesehen? Seit ihm der Oheim die Nachricht überbracht hatte, der Bruder eines Bekannten hätte beobachtet wie Eleonor mit dem Eidam des Studienrates heimlich poussierte, war er sich ihrer nicht mehr sicher. Seine Eleonor mit so einem… ! Das konnte doch nicht wahr sein! So ein unverschämtes, bigottes Frauenzimmer, das ihn auf derart ungestalte, infame Art und Weise zum Hahnrei machte. Unter den vorwaltenden Umständen würde er ihr unverzüglich den Laufpass geben müssen; welcher Mann ließ sich widerstandslos die Hörner aufsetzen von einem Jungspund, einem Backfisch?! Er jedenfalls würde sich nicht kujonieren lassen. Doch, halt, ersteinmal würde er einen Privatdetektiv anheischig machen, Beweise zu liefern. Bis es soweit war, galt es Ruhe zu bewahren und auf dem Quivive zu sein. Eleonors Vater war Jurist; ein störrischer Esel, der sich von keinem Kleinstadt-Klatsch beeindrucken ließ – erst recht nicht seine Tochter betreffend. Überdies hielt er Albert, nur weil dieser auf keinen adligen Stammbaum verweisen konnte – für einen aufgeblasenen Nassauer. Da war der Zwist programmiert und nicht einmal sein Wams würde ihm bleiben, wenn er nicht Obacht gab und stattdessen unhaltbare Anschuldigungen vorbrachte. Jetzt erst bemerkte er, dass er sich so in Rage geredet hatte, dass das Schriftstück in seiner Hand schon vollends zerknüllt war. Na und? Diese Depesche würde einen vorzüglichen Fidibus abgeben und Feuer musste er ohnehin entfachen, um sich einen Kaffee aufzubrühen. Ach, hatte er gestern nicht den Rest verbraucht? Er schaute fröstelnd aus dem Fenster. Obwohl der Sommer den Frühling allmählich ablöste und die ersten übereifrigen Sommerfrischler bereits umherwandelten, waren die Nächte noch immer empfindlich kalt. Oh nein. „…dschukboks…“ Auch das noch. Für Schnupfen hatte er nun wirklich keine Nerven! Hoffentlich war wenigstens Muckefuck im Haus, um sich schon einmal etwas aufzuwärmen…von Nicole

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