Rezension: Ein plötzlicher Todesfall von J.K. Rowling

J.K. Rowling. Ein plötzlicher Todesfall

„Barry Fairbrother wäre lieber zu Hause geblieben.“ Das ist der erste Satz, den es nach fünf Jahren von J.K. Rowling zu lesen gibt. Nach monatelanger Geheimhaltung erschien am 27. September ihr erstes Buch für Erwachsene. Es geht um Machtspiele, Intrigen und soziales Elend. Der Unterschied zu Harry Potter könnte deutlicher nicht sein. Sobald man „Ein Plötzlicher Todesfall“ (im Englischen „A Casual Vacancy“) aufschlägt, sollte man alles, was man bisher mit J.K. Rowling in Verbindung brachte, beiseite schieben und vergessen.
 
Der für den Titel verantwortliche, plötzliche Todesfall ereignet sich bereits auf Seite drei. Barry Fairbrother stirbt auf einem Parkplatz an einer Hirnblutung. Durch sein Ableben wird ein Platz im Gemeinderat frei um dessen Neubesetzung ein vehementer Kampf verschiedener Parteien ausbricht. Das beschauliche Städtchen Pagford spaltet sich in zwei Lager. Die einen, die den Stadtteil Fields mit samt seiner „Sozialschmarotzer“ und Drogenklinik wieder an die Stadt Yarvil abtreten wollen. Und die, die sich für die Unterschichtensiedlung einsetzen. Soweit der eigentliche Plot. Viel mehr geht es aber um die Stadt und ihre Bewohner. Um die Intrigen, die sie spinnen und um menschliche Abgründe wie Missbrauch, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Drogen, Neurosen, Psychosen, unglückliche Ehen, Mobbing, Missgunst, Boshaftigkeit und Doppelmoral.
 

Für all das lässt Rowling ein üppiges Personenarsenal in ihrem Roman auftreten. Über 20 unterschiedlichste Charaktere spielen in „Ein plötzlicher Todesfall“ eine mehr oder weniger große Rolle. Was zunächst nach ständig wechselnden Episoden aussieht, verstrickt sich im Laufe der Handlung zu einem dichten Netz von Figuren, die in wechselseitiger Beziehung und Abhängigkeit stehen. Wie in einer Kleinstadt üblich, kennt jeder jeden oder hat irgendwie etwas mit dem anderen zu tun. Rowling hat dieses Gefüge geschickt und überraschend konstruiert. Souverän verwebt sie die vielen verschiedenen Handlungsstränge zu einem spannenden Plot. Wobei der weniger aufmerksame Leser bei den personellen Verflechtungen schon einmal durcheinander kommen kann.
 
Durch die häufigen Wechsel zwischen Charakteren und Handlungssträngen findet sich jedoch kein klassischer Protagonist, niemand mit dem man die Story verfolgt und mit dem man sich auf eine Reise begibt. Barry Fairbrother löst die Handlung durch seinen Tod zwar aus, kann sie aus selbigen Grund aber nicht mehr voran treiben. Er ist außerdem einer der am wenigsten deutlich gezeichneten Charaktere, er wird nie wirklich plastisch. Er erscheint beinahe als Heiliger, durch dessen Ableben eine riesige Kluft entsteht, die niemand zu schließen vermag. Doch es wird nicht glaubwürdig deutlich, wie er es zu seinem Ansehen und seinem Stand in Pagford gebracht hat.
 
Man muss sie wirklich suchen, die Helden dieser Geschichte. Am Ende sind es eben dann doch wieder die Jugendlichen, die es schaffen über sich hinauszuwachsen und sich zu wandeln. Besonders Krystal Weedon, die „Schlampe der Sozialsiedlung“, die jeden, der will, im Unterricht an ihre Brüste fassen lässt, entwickelt sich zur unverhofften Heldin der Geschichte. Die erschütternden Episoden um ihre heroinsüchtige Mutter und ihren verwahrlosten kleine Bruder Robbie berühren, bewegen und gehen ans Herz. Sie ist zwischen Schmutz, Gewalt, Prostitution, Drogen und Vernachlässigung aufgewachsen, doch sie will etwas ändern und sich und ihren Bruder retten.
 
Rowling entwirft plakative aber dennoch komplexe und realistische Charaktere, deren Motive klar und nachvollziehbar sind. Sie gewinnen Kontur durch das, was sie zeigen, aber auch durch das , was sie verbergen. Raffiniert porträtiert sie alles was die menschliche Natur an moralischen Defekten aufzuwarten hat: Väter, die ihre Kinder schlagen; Mütter, die hilflos dabei zusehen und sich dennoch nicht trennen; Jugendliche, die aus sozialschwachen Familien kommen und keine Chance erhalten mehr aus ihrem Leben zu machen; Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt werden und sich todessehnsüchtig die Arme aufschneiden; verbitterte Ehefrauen, die von ihren Männern betrogen werden; Frauen, die nur Sex aber keine Liebe bekommen; fettwanstige Schmierenkönige, Heuchler und Spießbürger.
 
Joanne Rowling hat einen ganzen Haufen Scheußlichkeiten in diesen Roman einfließen und den scheinbar einzig Guten dieser Stadt auf Seite drei sterben lassen. Es scheint als hätte sie sich mit diesem Buch von allem Schlechten in ihrer Vergangenheit befreien und mit allem abrechnen wollen. Dabei formuliert sie kluge Einsichten in unsere Gesellschaft und die menschliche Natur. Sie hat einen sozialkritischen Roman entworfen, der nichts beschönigt und somit ein erstaunlich reales Abbild der Gegenwart zeigt und dadurch an einigen Stellen ein bedrückendes und hoffnungsloses Gefühl hinterlässt.
 
Fazit: Es ist definitiv kein Harry Potter, weder inhaltlich noch wird es solche Begeisterungsstürme auslösen. Wer etwas Zauberhaftes oder Fantastisches erwartet, wird enttäuscht werden. Aber es ist ein gutes Buch, mit einer eloquent erzählten Geschichte, die interessante Charaktere vorstellt und spannende Handlungsstränge grandios miteinander verknüpft. Die Geschichten um die Menschen in Pagford erschüttern und berühren. Trotz einiger Hänger und Längen hält sich eine gewisse Spannung während der gesamten Handlung aufrecht. Die Nähe zur Realität und die Glaubwürdigkeit der Personen und ihrer Handlungen lassen die Ereignisse noch lange im Gedächtnis nachklingen.
 
Zwar würde es wohl kein Bestseller werden, würde nicht Rowling drauf stehen, doch viele wirklich gute Bücher werden keine Bestseller, wenn die Werbetrommel nicht vernünftig gerührt wurde. Es ist kein Buch für Jedermann, für die einen ist es zu konventionell und klischeebehaftet, für die anderen zu barsch und trostlos. Und für einige ist es einfach zu wenig Potter. Es ist ein sozialkritisches Werk, dass sicher nicht jedem gefällt aber auch nicht jedem gefallen will. Aber es beweist, dass J.K. Rowling auch abseits von Harry Potter eine ausgezeichnete Autorin ist.
 
„Manche werden es hassen“, so Rowling andere werden es lieben, so die Rezensentin.
von Steffi

 
J.K. Rowling – Ein plötzlicher Todesfall
Carlsen Verlag, September 2012
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol
576 Seiten
24,90 EUR
ISBN: 978-3-551-58888-3

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