Rentnerbeige. Ein ungeklärtes Phänomen.

via facebook.com/beige.film

Als ich mich letzte Woche, auf Grund der klassischen Frühherbst-Erkältungswelle, im Wartezimmer meines Arztes wiederfand, wurde ich mal wieder Zeuge eines Phänomens, dessen Ursache und Wirkung ich noch nicht ganz verstanden habe: Alte Menschen tragen immer beige.
 
Ja, diese These ist etwas überspitzt formuliert, da alte Menschen natürlich nicht IMMER beige tragen, manchmal schmeißen sie sich auch in ein legeres ocker oder in ein dezentes braun. Aber die drei älteren Damen und die beiden älteren Herren, die mit mir im Wartezimmer das taten was man in einem Wartezimmer nunmal tut, trugen alle beige. Und nicht nur in den Wartesälen hiesiger Arztpraxen, sondern auch an Reisebus-Stationen an denen in regelmäßigen Abständen Tonnen touristischer Rentnergruppen ausgeladen werden, zeigt sich das gleiche Phänomen – beige in sämtlichen Bekleidungsvariationen an den Körpern rüstiger Rentner. Beige Hüte, Anoraks (ja, Anorak – ein wirklich schreckliches Wort), Khakihosen, Westen, Pullover, Strickjacken, Blusen und orthopädische Schuhe.
Dieser warme weißliche Braunton, wie Wikipedia diese Naturfarbe beschreibt, wird von den Rentnern und Senioren nunmal am liebsten auch mit beige kombiniert. Klar, was passt besser zu beige als beige?
 
Da saß ich also als schwarzer Schandfleck umgeben von dieser warmen und natürlich anmutenden Farbe und kam nicht umhin mich zu fragen, welche ungewöhnliche Anziehungskraft diese Farbe bloß auf alte Menschen hat. Soll das ein Versuch sein die eigene fahle Haut durch eine noch schrecklichere Farbe in einem neuen Licht erstrahlen zu lassen? Glauben alte Menschen vielleicht wirklich, dass beige die ultimative Farbe ist zu der man alles kombinieren kann und mit der man immer gut gekleidet ist? Hat irgendwann irgendjemand mal gesagt: „Mensch Gertrud, dieses beige kleidet dich wirklich unheimlich gut, das sollte ich auch mal probieren.“ und dann kam eins zum anderen? Oder ertragen alte Menschen die grellen Pixel anderer Farben nicht mehr, weil sie in ihrem langen und erfüllten Leben schon so viele Farben gesehen haben, dass sie jetzt farbtechnisch gesehen einfach mal zur Ruhe kommen wollen? Und dann ist da noch die Frage: wo kaufen die dieses ganze beige Zeug eigentlich? Ich kenne keine Geschäfte, die beige Anoraks in ihren Schaufenstern hängen haben. Und niemand wirbt mit dem Slogan „Bringen Sie mehr beige in ihr Leben“ oder “Beige – für die gestandene Frau“. Wer hat diesen beigen Stein bloß ins Rollen gebracht?
 
Meinem unbändigen Verlangen der Sache auf die Schliche zu kommen nachgebend, recherchierte ich stundenlang in Bibliotheken, führte Telefonate mit Professoren und Fachmännern und wertete qualitative Studien aus, um schließlich doch zu keinem eindeutigen Ergebnis zu kommen. Aber einem Artikel der taz zufolge trägt jeder Mensch ein Beige-Gen in sich, dass sobald man in ein bestimmtes Alter kommt aktiv wird und von da an über die Wahl der Anorakfarbe entscheidet. Eine Erklärung mit der ich mich zwar abfinden kann, die mich gleichzeitig aber furchtbar ängstigt, schließlich folgert daraus, dass auch wir später dieser monotonen Uniformität zwangsläufig unterliegen werden. Da können wir nur hoffen, dass das Phänomen der Partnerlook-Unisex-Outdoorjacken nicht auch auf ein Partnerlook-Unisex-Outdoorjacken-Gen zurück zu führen ist. von Steffi

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Ein Kommentar zu Rentnerbeige. Ein ungeklärtes Phänomen.

  1. Vielleicht liegt es auch einfach an der nachlassenden Sehkraft und bevor man sich zu grell kleidet, dann lieber ein dezentes Beige? So wie ich das beobachtet habe, trugen Renter in den 80’ern meistens Grau. Das mit den Genen glaube ich eher nicht. Mir echeint es eher so ein typisches Massenphänomen zu sein, dass die Mehrheit lieber unauffällig in der Masse untertaucht. Dort ist es sicherer, als wenn man herum läuft, wie ein buntes Huhn. Und dieses Sicherheitsbedürfnis scheint sich im Alter wohl zu erhöhen.

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