„Hallo…zwei Minuten zur Rettung des Regenwaldes?“
oder, das Problem mit den Infostand-Aktivisten

via weheartit

An manchen Tagen ist die Stadt ein reinstes Minenfeld – nur mit dem Unterschied, dass man das Objekt, dem es auszuweichen gilt, schon von Weiten erspäht. Ein leuchtender Pavillon, drum herum einige junge Menschen mit ebenfalls leuchtenden T-Shirts. Ihre Mission ist völlig klar: der sibirische Tiger muss gerettet, die Eisbären vor dem Aussterben bewahrt und die Menschenrechte geschützt werden.  
Definitiv alles Themen, die es wert wären, einer ausführlichen Auseinandersetzung unterzogen zu werden, sofort sein gesamtes Taschengeld für die entsprechenden Projekte zu spenden und sich selbst als Aktivist rekrutieren zu lassen. Doch nicht während man gerade auf dem Weg ist, seinen unbändigen Hunger mit Fastfood zu stillen, das Jeans-Angebot bei H&M für 9,99 € wahrzunehmen oder eine Packung Toilettenpapier aus unrecycelten Papier zu kaufen. Dann sieht die übliche Reaktion etwas anders aus: Der Blick wird starr auf den Boden gerichtet (Augenkontakt gilt es dringend zu vermeiden), ein möglichst großer Bogen wird um die freundlich strahlenden Infoständler gemacht und der Satzfetzen „Kein Interesse“ liegt schon auf den Lippen.
Doch mit einem leichtfüßigen Satz, der einer Gazelle in nichts nachsteht, springt der Weltverbesserer gekonnt in die Laufbahn des unbedarften Passanten. „Hey, Sie da in dem gepunkteten Kleid. Nur zwei Minuten zur Rettung des südostasiatischen Waldrinds…Oder haben Sie kein Herz für Tiere?“ flötet der Aktivist und hat dabei gleichzeitig Blickkontakt erzeugt. In diesem Moment ist alles zu spät und gewiss, dass der Nachmittag kein gutes Ende nehmen wird. Es gibt nur zwei unbefriedigende Möglichkeiten wie sich diese Sachlage weiterentwickelt.
 
Situation a) Man versucht es mit „Doch, aber…“ und schon ist man in ein undurchdringliches Netz aus schlagkräftigen Argumenten verwickelt. Diese Diskussion zu gewinnen, ist schier unmöglich, da der Aktivist im Zweifelsfall zu zwei gekonnten Mitteln greift: er holt entweder, mit einem unauffälligen Nicken, seine Kollegen zur Seite, die das Netz nicht nur verbal, sondern auch physisch noch enger ziehen. Oder, wenn das nicht hilft, fördert er eine Ladung Prospekte mit Fotos von totgeschlagenen Robbenbabys und verstümmelten Polarfüchsen hervor. An dieser Stelle ist das Einzige was bleibt, der Versuch nicht als Menschenhasser, Tierfeind oder Umweltverschmutzer dazustehen. Doch trotz allem bleibt eines nun unausweichlich, am Ende geht man mit einem Stapel Informationsmaterial und einem Jahresspendenabo für Premiummitglieder, knurrendem Magen und ohne neue Jeans nach Hause.
 
Situation b) Man versteinert den Blick zu einer finsteren Grimasse und raunt „Ich hasse Kinder/ Tiere/ Bäume/ Menschen.“ und stampft schnellen Schrittes weiter. Menschen, die weniger gut den griesgrämigen Kinder-, Tier-, Baum- und Menschenhasser mimen können, versuchen auf die gegenteilige Art zu entkommen und behaupten: „Ich bin schon Fördermitglied beim WWF.“ Mit etwas Glück und flinken Beinen kann man so der unliebsamen Situation entgehen. Doch auch wenn man dann erleichtert und ohne Spendenvertrag von dannen zieht,  ist dann eines unausweichlich – das schlechte Gewissen und das Gefühl ein abgestumpfter und ignoranter Mensch zu sein, weil in dieser Minute gerade ein Eisbär von seiner Scholle fällt und man nichts dagegen unternimmt.
 
Es zeigt sich, man hat keine große Wahl den Weltverbesserern zu entgehen. Entweder kauft man sich für zwanzig Euro monatlich ein reines Gewissen oder akzeptiert das schlechte Gefühl, kauft sich für das Geld zwei billig Jeans und reserviert sich neben Ex-BP-Chef Hayward einen Platz in der Hölle. von Steffi

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Ein Kommentar zu „Hallo…zwei Minuten zur Rettung des Regenwaldes?“
oder, das Problem mit den Infostand-Aktivisten

  1. Natalie sagt:

    Toller Text!! Da fällt mir gleich ein Ärzte-Song ein..http://www.youtube.com/watch?v=22AfbFDRka0

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