„Sorry, hier sitzt schon meine Tasche“

© Fischer Verlag

Bus- und Bahnfahren ist eine ziemlich lästige Angelegenheit; ich weiß das, ich spreche aus Erfahrung. Diese Massentransportmittel neigen zu Verspätungen, sind überfüllt und überflutet mit nervigen Menschen. Schlimmster Mitfahrer: der Sitzplatzblockierer. Trotz akuten Platzmangels thront auf dem Sitz neben ihm statt eines erschöpften Hinterns ein ausgeruhter Rucksack, eine entspannte Tasche oder eine lässige Einkaufstüte. Statt den Platz umgehend freizuräumen und dem Mangel an Sitzen entgegenzuwirken, starrt der Sitzplatzblockierer gespannt aus dem Fenster und dreht seinen Mp3 Player noch ein bisschen lauter.
 
Typen dieser Art gibt es überall, sie fordern unsere Geduld heraus und gehen uns ziemlich auf die Nerven. Elena Senft und Lisa Seeling haben alle diese nervigen Menschen und Situationen mit Nörgelpotenzial in ihrem Buch „Sorry, hier sitzt schon meine Tasche“ versammelt.
 
In zehn verschiedenen Alltagssituationen von „Unterwegs“, „Beim Einkaufen“, „Im Urlaub und danach“ bis „Einfach überall“ beschreiben die Autorinnen auf gewitzte Weise achtzig verschiedene Nerv-Typen. Armlehnenschubser, Supermarktkassendrängler, Brülltelefonierer und selbsternannte Einparkhelfer – sie alle sind lästig, reizen unsere Nerven und machen unseren Alltag mit ihren kleinen Macken und Marotten zur Hölle. Zur Strafe kriegen sie in dieser wunderbar ironischen und hervorragend beobachteten Typologie ihr Fett weg.
 
Elena Senft und Lisa Seeling beschreiben, aus leidvoll-teilnehmender Erfahrung, „Leute, die als erste Amtshandlung im Flugzeug ihren Sitz nach hinten schnellen lassen und einem damit fast den Schädel einschlagen. Leute, die Besucher nötigen ihre Schuhe auszuziehen und im Flur ein Wandregal mit miefigen Hauspantoffeln installiert haben. Leute, die im Kino laut lachen, um zu signalisieren, dass sie den Witz auch echt verstanden haben.“
 
Sie erzählen von Situationen, die wir alle kennen und mehr oder weniger genervt über uns ergehen lassen – von gefährlichen Nordic Walkern, Furien im Internet und Mordgelüsten am Pfandflaschenrückgabeautomat, wenn jemand seine Pfandflaschen des letzten halben Jahres in aller Seelenruhe in den ohnehin trägen Automat einführt, während man selbst nur den Wasserkasten der letzten Woche wegbringen will.  
 
Bei all dem Mosern und Murren ist Seelig und Senft doch eines völlig klar:
die nervigsten Typen sind eigentlich die, die über jede noch so kleine Marotte anderer herzzerreißend motzen müssen. Und so steht das Fazit schon im Vorwort: „Die Dummen sind immer die Anderen. Und: Nerven tun immer die, auf deren Seite man sich gerade selbst nicht befindet.“ Wir wissen genau, dass wir uns über Dinge echauffieren, die wir an einem anderen Tag und in einer anderen Situation selbst genauso machen. Dann sind wir diejenigen, die sich nicht  an „die ungeschriebenen Gesetze kleinbürgerlicher Ordnungswut“ halten und den Bürogeschirrspüler nicht anschalten, sondern lieber nur eine Tasse für sich selbst abspülen und sich ohne Rücksicht auf Verluste zum kalten Büffet drängeln, um sich dort die Teller so voll schlagen, dass eine Großfamilie eine Woche davon satt werden würde. Doch im Moment des genüsslichen Meckerns blenden wir unsere eigenen Fehler bestens aus. Für diesen Moment sind wir unfehlbar und würden so ein ungehöriges Verhalten nie zulassen.
 
Dieses Buch ist für alle, die sich, wie ich, für ihr Leben gern über andere aufregen und das köstliche Gefühl eigentlich völlig unnötigen Aufregens in vollen Zügen genießen können. Die außer diesen Wohlfühlproblemen keine anderen Sorgen haben und sich von Parklückenblockierern und Rolltreppenschlafmützen ordentlich auf die Palme bringen lassen. Die Lektüre dieser 192 Seiten purer Motzerei schafft die Gewissheit nicht als einziger boshaft-meckernder Mensch durch die Welt zu schreiten. Während man lesend im Bus sitzt, zustimmend nickt und sich bei jedem neuen Archetypen denkt: „Oh ja, der ist so nervig“ regen sich die Mitfahrer auf, dass man nicht mal von seinem Buch aufblickt, um seine Tasche von dem Sitzplatz zu nehmen. von Steffi
 
Lisa Seelig + Elena Senft: Sorry, hier sitzt schon meine Tasche
Fischer Taschenbuch Verlag
192 Seiten; 8,99 Euro
ISBN: 978-3-596-19451-3

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