Sex Sells: Shades of Grey
Ein Porno-Buch, über das alle reden

© Goldmann

Abgesehen von „Harry Potter“ und „Twilight“ kann ich mich nicht erinnern, dass über ein Buch so viel geredet, geschrieben und diskutiert wurde, wie über „Shades of Grey“. Ich werde aber nicht versuchen, eine Erörterung darüber zu schreiben, warum die Lektüre von E. L. James trotz seiner, drücken wir es mal milde aus, simplen Schreibweise und naiven Hauptfigur ein Millionenerfolg ist. Das kann man in mindestens einer Million anderen Artikeln lesen, um dann schlussendlich doch keine Erklärung für dieses Phänomen zu finden. Und ich werde auch nicht versuchen herauszufinden, warum die (überwiegend) weiblichen Leser gerade von einem Sado-Maso-Buch so fasziniert sind. Trotzdem kann und will ich es mir nicht verkneifen, meine Meinung kundzutun.
 
Vorab: Ja, auch ich muss mich der Meinung der meisten Kritiker anschließen und sagen, dass es durchaus bessere Bücher gibt. Das liegt noch nicht einmal an der Handlung. Die ist sogar im Großen und Ganzen ganz gut. Die Studienabsolventin Anastacia Steele lernt bei einem Interview für die Studentenzeitung den Unternehmer und Milliardär Christian Grey kennen. Dieser führt das sexuell noch unerfahrene Mädchen in die Welt des Sado-Maso ein, in der vor allem Dominanz und Unterwerfung eine große Rolle spielen. Eine Welt, vor der Anastacia auf der einen Seite zurückschreckt, die sie aber auch vor allem wegen der Liebe zu Christian anzieht.
 
Zum großen Teil liegt es an der Hauptperson, der naiven, nervigen, ja sogar stellenweise schizophrenen Anastacia Steele, die das Buch so kärglich macht. Anastancia strotzt nur so vor Naivität und ist in ihrer Wollust so unersättlich, dass es schon ans Lächerliche grenzt. Fast auf jeder Seite „zieht sich ihr Unterleib zusammen“, wenn sie nur Christian Grey ansieht oder an ihn denkt. Der stimmungsschwankende Milliardär muss die unerfahrene Studentin nur kurz an der Brust berühren und schon lechtst sie „nach Erlösung“ und bekommt einen Dauerorgasmus nach dem anderen. Schon klar!
Ohne Unterbrechung läuft ihr vor Scham die Röte ins Gesicht und sei es nur, weil Mr. Grey sich eine Olive in den Mund schiebt. „Lächelnd nimmt er mit seinen langen Fingern eine Olive aus dem Schälchen und schiebt sie sich in den Mund. Meine Augen hängen an seinen Lippen […] Ich werde rot.“ Und genauso oft kaut sie auf ihren Lippen herum und wird in gleicher Regelmäßigkeit von ihrem Lover aufgefordert dies zu unterlassen. 
Kontinuierlich redet Mrs. Steele mit ihrem Unterbewusstsein und ihrer „inneren Göttin“. In jeglichem Gedankengang und jeder Entscheidung werden sie mit einbezogen, quasi wie das Teufelchen und das Engelchen rechts und links auf ihrer Schulter. Mit der Zeit ist das nur noch nervig, gerade weil man genau weiß, wie die beiden handeln.
 
Der schlechte Schreibstil ist ebenfalls ein Grund dafür, warum das Buch schlechter Kritik ausgesetzt ist. „Wer so etwas Literatur nennt, der könnte genauso gut einem Antiquitäten-Liebhaber einen Holzscheit aufs Intarsien-Tischchen knallen und behaupten, zwischen beidem gäbe es keinen Unterschied, schließlich bestünden sowohl Tischchen wie auch Scheit aus Holz.“, so kritisiert Focus den Schmöker. Und auch Spiegel-Online lästert auf ähnliche Weise: „Stöhn! Hauch! Keuch! Seufz! Flüster! Und, klar, es wird gef***t. Das mangelnde Sprachtalent der Autorin fügt ihrer weiblichen Hauptfigur noch einmal besonderes Leid zu. Dauernd ‚erschüttern‘ Ana ihre Orgasmen, lassen sie ‚explodieren‘, sie wird von ihnen ‚verschlungen‘ oder ‚hinweggespült‘.“ Denis Scheck setzt sogar noch eins drauf: „Das ist ein Buch wie eine aufgedunsene Leiche. Eine derartige Schrottprosa zwischen zwei Buchdeckeln habe ich wirklich lange nicht mehr gelesen.“, so der Literaturkritiker in einem Interview.
 
Die vielen x-fachen Wiederholungen der Autorin ließen mich wirklich regelmäßig die Augen verdrehen (Ups, das darf man ja nicht, sonst gibt´s Haue!). Das liegt sicherlich daran, dass das Buch als Fanfiction entstand und zunächst aus vielen kleinen Kurzgeschichten bestand, die schlussendlich zu einem Buch zusammengefügt wurden. Aber spätestens bei der dritten Erwähnung weiß ich nun mal, dass Mr. Grey „gut bestückt“ ist und muss es nicht noch zehn weitere Male lesen.
 
Ich kann mich also den Kollegen der Badischen Zeitung nur anschließen: „Liebe Leserinnen in Deutschland: Bitte seid klüger und anspruchsvoller, unverklemmter und phantasievoller als Eure Geschlechtsgenossinnen in den USA, in Kanada und Großbritannien – Ländern mit traditionell hohem Prüderiefaktor! Es kann nicht sein, dass die öde Sexschmonzette einer Engländerin in der Midlifekrise auch hierzulande ein Bestsellererfolg wird.“
 
P.S.: Aber da ich objektiv sein möchte: Ich habe auch gute Kritiken gefunden. So titelte die Bild-Zeitung mit den unglaublichen Worten: „Dieses Buch ist schärfer als Porno“. Und der Stern schrieb in einer Rezension: „Dabei gibt es in diesem Besteller echte Perlen zu entdecken. Die geschliffenen Dialoge und das pointiert formulierte Kräftemessen des ungleichen Paares via E-Mail machen intellektuell Spaß am Lesen.“ von Nancy

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