Die Leuchtturmschule

Diese Woche hat unser weibliches Redaktionsteam männliche Unterstützung bekommen, durch Olli den Schülerpraktikanten. Olli ist 15 Jahre alt und besucht das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Erfurt in der neunten Klasse. Bisher durfte Olli noch keinen Kaffee kochen und nichts kopieren, sondern musste uns gleich beweisen, ob er ordentlich in die Tasten hauen kann. Und es zeigte sich: er kann. In seinem Artikel erzählt er uns von einer „Lehranstalt mit dem besonderen Etwas“.
 
Gastbeitrag von Redaktionspraktikant Olli
 

via wehaertit


„Das Albert-Schweitzer-Gymnasium Erfurt mit informatisch-mathematisch-naturwissenschaftlichem Spezialschulteil, eine der Leuchtturmschulen Erfurts, Thüringens, Deutschlands, Europas, wenn nicht sogar der Welt“ – diese Beschreibung eines Lehrers am ASG ist wohl jedem bekannt, der hier zur Schule gegangen ist bzw. noch geht. Hier mal ein wenig aus dem Alltag an dieser Lehranstalt mit dem besonderen Etwas.   
 
7.55 Uhr. Es gongt, der Unterricht hat begonnen. In manchen Räumen begrüßen sich Lehrer und Schüler mit einem flüchtigen „Hallo“, in anderen mit einem müden „Guuuten Mooorgen“, in wieder anderen lateinisch „Salve magister“, im Chemieraum heißt es herzlich „Einen wunderschönen guten Morgen Herr N., Chemie macht Spaß!“…
 
8.00 Uhr. Die letzten Schüler halten es nun auch mal für nötig, den Unterricht zu besuchen und die doch in der Regel sehr verständnisvollen Lehrer lassen sich mit äußerst kreativen Geschichten gerne beschwichtigen (meistens jedenfalls). Manch ein Lehrer verspätet sich schließlich auch hin und wieder mal.
 
8.39 Uhr. Die erste Stunde ist fast rum, manch ein Schüler beginnt schon damit einzupacken. Plötzlich hört man aus einigen Räumen ein empörtes „Ich beende den Unterricht!“, was so manchen Vorbeiziehenden erschreckt, der gerade auf dem Weg zum Kopierer war.
 
8.40 Uhr. Ende der 1. Stunde. Raumwechseln ist angesagt. Manch einer darf da schon mal von der 4. Etage ins Erdgeschoss laufen und sich seinen Weg in die neu gebaute Turnhalle erkämpfen.
 
8.50 Uhr. Die zweite Stunde – Höhepunkt der Leistungsfähigkeit. Diese wird jedoch meistens von individueller Faulheit übertroffen.
 
9.35 Uhr. Endlich Frühstückspause! Die knapp 900 Schüler strömen auf den Hof, lediglich die Oberstufe hat das „Privileg“, drinnen bleiben zu dürfen. Jede Klasse hat so ihre besondere Versammlungsstelle auf dem Schulhof; man isst und trinkt und unterhält sich, während das junge Gemüse der 5. Klasse Fangen spielt und man ständig befürchten muss, dass man einen Fußball volle Breitseite gegen den Hinterkopf geschossen bekommt. Sollte man im Falle von Sonnenschein versuchen, in das Schulgebäude zu gelangen, wird man von den Aufsicht habenden Lehrern übrigens abfangjägerartig davon abgehalten, sich über den Informations-/Vertretungsplan und die Toiletten im Parterre hinaus vorzuarbeiten.
 
9.55 Uhr. 3. Stunde. Testzeit! Die beliebteste Zeit für Lehrer, um die Schüler zu testen. Zu diesem Zweck werden diese entweder im Kursarbeitsraum in der 4. Etage, im (keine Angst, lichtdurchfluteten) Keller oder zur Not einfach im jeweiligen Unterrichtsraum eingesperrt und bekommen für viele Aufgaben wenig Zeit zur Verfügung gestellt.
 
10.50 Uhr. Lektion No. 4. Im Sportunterricht werden Koordinationsübungen getätigt, die eher unkoordiniert vonstattengehen und lustig anzusehen sind. In den Chemiekabinetten wird experimentiert – es knallt, brennt und raucht. Im Deutschunterricht werden Referate vorbereitet und gehalten, im Englischunterricht werden unregelmäßige Verben gepaukt, im Kunstunterricht stanzt man mit Messern Muster in Linolplatten und verteilt Pflaster, im Musikunterricht macht man alles andere, als sich an   den Lehrplan zu halten. Sofern dieser überhaupt existiert …
 
11.35 Uhr. Die 4. Stunde ist zu Ende. Die Klassenstufen 5 und 6 haben nun Mittagspause, fliegen aus den Klassenzimmern und stürzen zur Cafeteria, wo sich schon bald eine so lange Schlange bildet, dass die höheren Klassen beim Raumwechsel auf das Passieren der 1. Etage verzichten müssen.
 
11.45 Uhr. Während die Fünft- und Sechstklässler mehr oder wenig genüsslich unter einem Lautstärkepegel von gefühlten 120 Dezibel ihr Mittagessen genießen, beginnt für die Schüler der Klassen 7-12 die 5. Stunde. Man ist schon ein wenig ausgelaugt, will eigentlich nur noch Pause haben, und dementsprechend ist auch die Arbeitsmoral.
Im Ethikunterricht lässt es sich da noch aushalten – man diskutiert locker flockig über Philosophie, Alltag und Religion.

In Sozialkunde macht man sich zusammen mit der Lehrerin mit einem lachenden und einem weinenden Auge über Politik(er) in aller Welt lustig, setzt sich mit Staatsproblemen auseinander und spielt komplizierte Abläufe wie etwa das Durchboxen eines Gesetzes in Deutschland einfach mal nach.

Mathe fällt da schon ein wenig schwerer – der Wunsch seinen Appetit zu stillen ist eben unzweifelhaft größer als der, na nennen wir es mal Drang, Formeln herzuleiten, gegebene Strukturen an diese Formeln anzupassen, dieses „Knäuel“ an Zahlen- bzw. algebraischem Material grafisch darzustellen und dies dann wiederum zu interpretieren.
 
12.30 Uhr. Einheitlicher Gedanke der Klassen 7 und höher:
Endlich Pause!
Endlich kann man etwas essen und trinken …
Und dafür hat man ganze 35 Minuten Zeit!
Man unterhält sich über Freundschaft und die Welt, lernt eventuell für noch anstehende Tests (ja, es gibt wirklich Lehrer, die einen am Nachmittag noch dazu zwingen, eine LK zu schreiben), lacht, etc. etc. .
Manche machen auch noch HAUSaufgaben …
 
13.07 Uhr. Im Englischunterricht: 2 Minuten nach Ende der Pause und Anfang der 6. Stunde stellt jemand die Frage: „Am I allowed to go to the toilet, please?“, worauf von der Lehrkraft „sehr freundlich“ und mit gewisser Ironie entgegnet wird, welch ein perfekter Zeitpunkt doch für diese Frage gewählt wurde.
 
13.50 Uhr. Ende der 6. Stunde. Gemischte Gefühle …
Manche freuen sich auf eine eher entspannte 7. Stunde, manche haben Angst vor einem Test, manche sahen selbige bereits in der 6. Stunde bestätigt und sind dementsprechend „down“, andere haben einen Test zurückbekommen und fühlen eine Mischung aus Gleichgültigkeit, Wut und Freude, wieder andere haben irgendetwas verloren und versuchen verzweifelt innerhalb zehn Minuten den Hausmeister zu erreichen – ein Unding, das einer Odyssee gleichkommt. (Zur Erklärung: Der Hausmeister ist ein lebendes Paradoxon – wenn man ihn braucht, findet man ihn nicht, und wenn man ihn findet, braucht man ihn nicht.)
 
14.00 Uhr. Für die meisten beginnt die letzte Stunde 7.
Da heißt es: Endspurt! Noch einmal alles geben! Okay, das ist jetzt nicht ganz realitätsgetreu, aber der Gedanke zählt. Manche haben Glück: Herr E. kommt. Herr E. ist so ziemlich der beliebteste Lehrer der Schule. Gar nicht so sehr weil er so sympathisch ist. Auch nicht unbedingt, weil er ein guter Mathe- und Physiklehrer ist. Nein. Vielmehr ist er deswegen so beliebt, weil er immer dann kommt, wenn ein Lehrer kurzfristig ausfällt.
(Es ist jetzt nicht so, dass man den Lehrern den Tod wünscht, aber so eine ausfallende Stunde ist schon toll, deshalb sei die Freude hier moralisch verziehen.)
 
14.45 Uhr. Es gongt. Die meisten haben Schulschluss. Jetzt heißt es: Ab nach Hause! Im Schlurfen über den Lichthof sehen manche, die noch Unterricht haben, die freudeerfüllten, erleichterten Gesichter derjenigen, die schon gehen dürfen. – Was für eine Tortur!
 
18.00 Uhr. Licht aus und gute Nacht!
Sekretariatsfrauen, Schüler, Direktor, Lehrer, Hausmeister, Reinigungspersonal – alle sind gegangen (und zwar in exakt dieser Reihenfolge). Nun ruht sich das Schulgebäude von der Belastung des Alltags aus – bis zum nächsten Tag …

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