Sockenlotto
von der Gewinnerin des Yougendmedienpreises 2012 Pauline Schenke

via weheartit

Am 12. Juni 2012 wurde im MDR-Landesfunkhaus in Erfurt zum siebten Mal der Yougendmedienpreis verliehen. Junge Medienmacher können hier ihre Beiträge in den Kategorien Print, Audio, Video und Foto einreichen. Eine Jury aus „alten Hasen“ im Geschäft prämiert dann zwei Gewinner je Kategorie. Preisträgerin im Bereich Print in der Altersgruppe der 14 bis 17-Jährigen war Pauline Schenke mit ihrem Text „Sockenlotto“. Diesen wunderbar fluffig geschriebenen Beitrag möchten wir euch nicht vorenthalten. Viel Spaß beim Lesen über ein allzu alltägliches Problem. von Conny
 
Sockenlotto von Pauline Schenke
 
„Aufstehen, du hast verschlafen.“ Noch im Halbschlaf höre ich meine Mutter. Etwas Reizbares liegt in ihrer Stimme. „Los! In zehn Minuten fährt dein Bus!“ Erst jetzt realisiere ich meine Lage. Ich fliege förmlich aus dem Bett. Ich schlüpfe in meine Hausschuhe und sprinte ins Badezimmer. Zähne putzen, schminken, waschen. All das sind Sachen, für die ich ansonsten viel Zeit in Anspruch nehme, nur diese Zeit wird mir an diesem Morgen nicht gegönnt. Ich bin natürlich nicht daran schuld, dass ich verschlafen habe, wie immer ist das Etwas auf meinem Nachtschränkchen. Den ehrenvollen Namen „Wecker“ hat es nicht verdient.
 
Nach drei Minuten und vierzig Sekunden bin ich schließlich fertig. Meine Bestzeit, immerhin. Ich rase zum Kleiderschrank. Er platzt aus allen Nähten. Eigentlich wollte ich ihn längst schon aufgeräumt haben, nur die Zeit hatte mir dafür immer gefehlt. Ich nehme das erste T-Shirt, was ganz oben liegt. Ein gleiches paar Socken zu finden, das ist heute einfach nicht machbar. Manchmal ist es ja ganz lustig, zwei gleiche Strümpfe zu suchen. Es ist für mich ein kleines Spiel: Sockenlotto. Die Chancen liegen bei eins zu einer Million. Dafür habe ich aber nur selten Zeit.
 
Jetzt schnell die Jacke überziehen, Schultasche genommen, und das Brötchen wird auf dem Weg zur Haltestelle geköpft. Auf gar keinen Fall darf ich den Bus verpassen. Papa bekommt einen Anfall, wenn er mich schon wieder fahren muss. Ich laufe in einem schnellen Schritttempo. Rennen kann ich nicht, meine Absatzschuhe streiken. Ich bemerke, wie leicht meine Schultertasche heute ist – und das für einen Donnerstag. An sich nichts Schlechtes, bis mir einfällt, dass Englisch noch zu Hause liegt. Das hatte ich in der Eile ganz vergessen einzupacken. Ausgerechnet im Englischhefter liegen die Ausarbeitungen, die wir über das Wochenende aufbekommen hatten. Abgabetermin: heute. „Scheibenkleister“, denk ich mir noch. Jetzt bleibt nichts anderes mehr übrig, als zurückzulaufen. Genauer gesagt, zurückzurennen. Und die dummen Absätze sind mir jetzt auch egal. Beim Rennen bemerke ich, wie schnell ich bin und kann mir meine Fünf plus im Sprinten nicht erklären. Ich laufe schließlich mit Elf-Zentimeter-Absätzen und nicht mit luftgepolsterten Turnschuhen von Adidas.
 
Aber alles hat einmal ein Ende und ich erblicke sie: die Haustür. Heute sieht sie ganz besonders schön aus. Ein zufriedenes Lächeln macht sich in meinem Gesicht breit. Hefter und mich trennen nur noch wenige Meter. Etwas bin ich sogar stolz auf mich, in so einer kurzen Zeit die Strecke geschafft zu haben. Für mich ein kleines Erfolgserlebnis. Doch meine Euphorie hält nicht lang. Ich erblicke einen Schulbus und zwar meinen Schulbus. Meine Mundwinkel sind jetzt ungefähr in Kinnhöhe. Mein Gesicht in Falten gelegt, Wutfalten. Der Bus fährt direkt an mir vorbei. Der Fahrer lächelt noch so nett und winkt mir zu. Seine Schadenfreude ist nicht zu übersehen. Langsam hole ich meinen Schlüssel heraus. Mein Vater sitzt noch immer am Frühstückstisch. Eigentlich trau ich mich gar nicht zu fragen, ändern kann ich die Situation jetzt aber auch nicht mehr. Ich lasse mich auf den Stuhl neben ihm nieder. Er schaut mich an, steht auf, nimmt seinen Autoschlüssel und sagt: „Los, bevor du zu spät kommst.“ Wir beide lachen. Für morgen nehme ich mir ganz fest vor, früher aufzustehen, mindestens 15 Minuten. Den Schrank räume ich heute noch auf. Versprochen.

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