Druckfrisch mit Denis Scheck
So wirbt man heute für Bücher oder
Ein „mit“ ist im Leben eben oft wichtiger als ein „von“


Ich bin mir nicht sicher, ob es heutzutage noch Menschen gibt, die aktiv (d.h. nicht schon im Halbschlaf zappend) und regelmäßig Literatursendungen verfolgen. Ich selbst habe das bisher nicht getan, obwohl ich Literaturwissenschaft studiert habe. Das liegt in erster Linie allerdings nicht an den vorgestellten Büchern oder Autoren, sondern an einigen anderen Faktoren. Beispielsweise haben derlei Sendungen häufig eine ältere Person als Experten, die moderiert. Ich denke da ins Besondere an Deutschlands Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, der über zehn Jahre lang durch „Das Literarische Quartett“ führte. Für diejenigen, denen der Name nicht geläufig ist, das ist der „Ich nehme diesen Preis nicht an“-Typ. Die Hände, die nach oben gehen würden,wenn ich jetzt frage, wie viele Leute Lust darauf hätten, eine Sendung von ihm und dazu noch zum Thema Literatur anzuschauen – ja, es wäre vermutlich überschaubar. Aber nein, ich ziehe jetzt nicht über diesen Herrn her, er hatte sicherlich ein „krasses“ Leben mit vielen abenteuerlichen und auch gefährlichen Erlebnissen, was ich vor allem durch die verfilmte Biographie mit Matthias Schweighöfer („Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“, 2009), erfahren habe. Sehr sehenswert übrigens. Aber nun mache ich schon unbeabsichtigt Werbung…
 
Kommen wir zum Thema: Literatursendungen. Sie kommen oft spät abends nach den Talkshows von Anne Will, Maischberger und Co. Wer soll sich das angucken, frage ich mich. Abgesehen davon lief das ja oft so ab, dass ein Autor – zumindest früher bei Reich-Ranicki – gerne mal absolut zur Schnecke gemacht und sein Buch verrissen wurde. Da stellt sich doch die Frage, wie soll mich das bitteschön zum Lesen animieren?!
ABER – und es ist ein ganz großes ABER – es wurde Abhilfe geschaffen! Es gibt Hoffnung! Wahrscheinlich ist das nur an vielen vorbeigegangen, denn sie flimmert Sonntagabend erst 23.30 Uhr (oder später) und dann auch nur einmal im Monat über die Bildschirme. Sie trägt den Namen druckfrisch und eigentlich auch Denis Scheck, denn er ist es, der diese Sendung moderiert und ihr damit jede Menge Schalk und Charme verleiht. Aber auch das Drumherum ist ungewöhnlich frisch und abwechslungsreich. Da trifft man sich zu einem Autoreninterview eben nicht immer in dem gleichen aufpolierten Studio, sondern mal im Park, wie mit T.C. Boyle, in einer alten Flughalle, wie mit Christian Kracht, auf einem Fußballfeld, wie mit Ror Wolf oder einfach vor einem Kiosk auf der Straße, wie z.B. bei Massimo Carlotta. Je nach Thema des Buches. Das polizei-urtypische weiß-rote Absperrband, oft mit druckfrisch-Prints, ziert die meisten dieser „Tatorte“. Fester – und meiner Meinung nach oft lustigster – Bestandteil ist die abwechselnde Kommentierung der Spiegel-Bestsellerliste – mal Belletristik, mal Sachbuch. So nannte er Carsten Maschmeyers Buch(titel) „Selfmade“ einen Trugschluss, denn „fremdbestimmter als dieses Leben kann ich mir keines vorstellen.“  Bei soviel aneinandergereihtem Unsinn kann einem schon mal das Brillenglas zerspringen.
Denis Scheck besitzt eine beeindruckende Wortgewandtheit und es ist erstaunlich, mit welchem Feinsinn er Bücher und Autoren zu durchschauen vermag.
Hier die Aussagen von Scheck über zwei Buchreihen, die beide in den Bestsellerlisten des Spiegels zu finden waren.
 
Jussi Adler-Olsen: „Schändung“, „Erlösung“, „Das Alphabethaus“
„Die Handlung (Bezug auf „Das Alphabethaus“) dieser fast 30 Jahre umfassenden Kriegsgeschichte albern zu nennen, wäre noch ein Kompliment. Adler-Olsens andere beiden Romane (…) sind schlecht (…), sein Debütroman (…) tatsächlich noch schlechter. Fast glaubt man beim Lesen zu spüren, wie sich das Papier unter der Druckerschwärze vor Scham windet.“
 
Suzanne Collins: Die Tribute von Panem – Trilogie
„Der geniale Kniff von Susan Collins: Sie schildert die Hungerspiele ganz wie die leicht überdrehte Fortsetzung der glamourösen, auf erbärmlichstes Voyeurtum setzenden Castingshows unserer Zeit und rückt damit das über-Leichen-Gehen, den Ruhm der Gladiatoren-Arenen, die Zukunftswelt der Hungerspiele und unsere Gegenwart in eins. Auf diese Weise ist Collins eine brillante Zukunftsvision über unseren anscheinend unstillbaren Durst nach dem Blut des Andersdenkenden gelungen.“
 
Einziger Wermutstropfen ist, dass einem bei solch schöngeistigen Bandwurmsätzen leider manchmal die Zeit fehlt, sie in ihrer Gänze und Vielschichtigkeit zu erfassen, was beim Lesen oder nochmaligem Hören besser gelingen würde. Damit ein Verweis auf die Mediathek der ARD, in der sehr viele Folgen und auch Ausschnitte nachgeschaut werden können. Außerdem gibt es an dem jeweiligen Sonntag-Mittag, der auf Druckfrisch folgt eine Wiederholung der Sendung.
Es lohnt sich also wirklich, diesem genialen Literaturformat eine Chance zu geben, denn – wen eher Fakten als meine Lobhudelei überzeugen – im Oktober dieses Jahres wird Denis Scheck der Hanns-Joachim-Friedrich-Preis verliehen, der „Druckfrisch“ als „die lebendigste Büchersendung im deutschen Fernsehen“ beschreibt! von Nicole
 

 
Momentan hat druckfrisch Sommerpause. Weiter geht´s aber am Sonntag den 26. August um 23.30 Uhr.

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