„Man findet alles, was ein Verfallsdatum hat!“
Ein Interview mit einem „Mülltaucher“

Quelle: privat

Ein junger Mann krabbelt zu später Stunde in Müllcontainer verschiedenster Einkaufsmärkte und findet dort allerlei Brauchbares und vor allem Essbares. Das Ganze nennt sich containern, dumpstern oder mülltauchen und bezeichnet „die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern.“ Im Interview erzählt er von seinem „ersten Mal“, den ungewöhnlichsten Funden und wie er zum „Mülltaucher“ geworden ist. Weitere Infos unter www.dumpstern.de.
Interview von Nicole
 
Wie bist du auf die Idee gekommen, containern zu gehen?
 
Es ist mittlerweile ein Dreivierteljahr her, dass wir in einer kleinen Gruppe zusammen saßen, chillten und jemand das Gespräch darauf brachte. Ich hatte vorher noch nichts davon gehört und wir haben erstmal diskutiert, was das ist, warum das gemacht wird und wie sowas abläuft. Im Internet hab ich zusätzlich noch ein wenig recherchiert, was es mit dem Containern auf sich hat.
 
Und das, was du gelesen hast, hat dich überzeugt?
 
Auf jeden Fall! Die Überproduktion und Lebensmittelverschwendung in Deutschland und auch anderen Ländern ist so wahnsinnig hoch, während in armen Regionen und Ländern täglich Menschen an Hunger sterben. Dieses System, dass die Reichen reicher und Armen ärmer werden, ist doch irgendwo wirklich pervers. Durchs Containern kann ich meinen Beitrag leisten, das Ganze so wenig wie möglich zu unterstützen.
 
Kommen wir zu den Fragen wer, wann und wo …
 
Naja, ich bin fast immer mit einem Kumpel zusammen und ab und zu nehmen wir neue Leute mit, denn wenn man vom Mülltauchen erzählt, horchen die meisten erstmal auf und fragen nach. Feste Zeiten oder Tage haben wir eigentlich nicht; man geht, wenn man die Sachen verbraucht bzw. Hunger hat, also kann das auch mal recht spontan sein. Aber um Stress zu vermeiden, gehen wir auf jeden Fall erst dann, wenn es dunkel ist. Und wir haben schon ein paar Plätze, an denen wir so gut wie immer fündig werden.
 
Was findet man denn so für Lebensmittel?
 
Alles, was ein Verfallsdatum hat. (grinst) Am häufigsten sind es natürlich Lebensmittel, die schnell ablaufen, wie frisches Obst und Gemüse, Joghurt, Milch, Eier. Wenn da ein Joghurt in der Palette geplatzt ist, wird eben die ganze Stiege weggeschmissen; das ist billiger und weniger aufwendig, als nur den einen wegzuhaun und den Rest zu reinigen, wird gesagt. Ich hab auch schon ungewöhnlichere Sachen gefunden, wie beispielsweise ca. 30 Prinzenrollen oder auch massig Packungen Mon Chéri. Viele Lebensmittel sind auch noch nicht mal abgelaufen, sondern müssen nur raus, weil neue Ware kommt und Platz braucht.
 
Und wie läuft das dann konkret, wenn ihr an einem Container seid? Steigt da einer rein oder wühlt drin rum? Stelle ich mir schon ein bisschen eklig vor..
 
(lacht) Handschuhe sind empfehlenswert! Dann greift man eben rein und guckt, ob das noch gut ist, dann wird es in den Rucksack gepackt und später teilen wir alles gerecht für jeden auf. Oft geben wir auch Lebensmittel an Nachbarn und Freunde weiter.
 
Kannst du dich noch an dein erstes Mal erinnern?
 
Oh, das war sehr aufregend und überraschend. Im Grunde ist jeder Ausflug eine neue Überraschung, weil man nie weiß, wie es läuft, was man findet und so weiter. Aber klar, ich hab schon auch Angst gehabt, dass uns jemand erwischt. Allerdings wird man da immer routinierter mit der Zeit.
 
Kaufst du neben dem Containern ab und zu mal ein?
 
Momentan nicht, da kann ich vom Containern ganz gut leben. Es kommt aber selbstverständlich auch mal vor, dass ich unterwegs bin und Lust auf ne Falafel bekomme,  dann kauf ich die auch.
 
Gab es schon brenzlige Situationen bei dir?
 
Bisher nicht – zum Glück. Ich stand allerdings schon mal an nem Container und hab dann in der Einfahrt eine Person stehen sehen. Ich war drauf und dran wegzulaufen, da macht der seine Stirnlampe an und gesellt sich zu mir. War auch einer von uns.
Eine andere coole Situation war, dass abends schon mal ein Karton voll Obst und Gemüse vor einer Tonne stand, den wohl jemand absichtlich dagelassen hatte, damit sich das mitgenommen werden kann.
 
Also kann man sich da relativ frei „ausleben“?
 
Naja, grad in Erfurt ist das Containern nicht so einfach. Die Supermärkte ergreifen da schon verschieden Maßnahme, die Leute daran zu hindern, etwas aus den Mülltonnen zu nehmen. Beispielsweise haben viele Läden ihre Container mit Schlössern versehen; seltener kommt es vor, dass die Angestellten Asche oder andere Sachen über die Waren streuen/schütten. Vieles ist zwar verpackt und man muss es dann nur saubermachen, aber das ist schon nicht so lecker und echt überflüssig.
 
Was willst du zum Schluss noch gern loswerden?
 
Ich würde gern dazu aufrufen, dass das Containern nicht unnötig kriminalisiert wird. In Österreich und der Schweiz ist es beispielsweise erlaubt. Offiziell gilt es ja als Diebstahl wertloser Waren, ist das nicht schon paradox? Außerdem gibt es in unserer Gesellschaft nun mal Menschen, die es sich nicht leisten können, jeden zweiten Tag Unmengen an Essen einzukaufen. Da ist es doch eine gute Idee, Lebensmittel, die übrig sind, anderen zur Verfügung zu stellen.
Ich habe letztens von einem Projekt in New York gehört, bei dem ein Koch verschiedene Restaurants anfährt, deren frische aber überschüssige Waren einsammelt und daraus Essen kocht für Bedürftige. Das ist doch eine geniale Idee, über die sich Supermärkte eher Gedanken machen sollten, als darüber, wie man anderen Menschen Hilfe verweigert.
 
Weitere Informationen: Containern gegen den Konsumwahn

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