Review: Roche und Böhmermann
Die Talkshow die keine sein will

via Roche und Böhmermann

Wer beim Zappen aus Versehen an Pro7 und RTL vorbei geschrammt ist und auch die Dritten hinter sich gelassen hat, stößt plötzlich auf ein weites Feld völlig unbekannter Spartenprogramme. Zwischen Tatort Wiederholungen, Kochshows und Reportagen über die schönsten Bahnstrecken Europas verbirgt sich etwas Unkonventionelles, das sich sehen lassen kann: Die Talkshow, die eigentlich keine ist: „Roche und Böhmermann“. Auf ZDFs Spielwiese ZDF.kultur haben die Fernsehmacher ein innovatives und unterhaltsames Format geschaffen – eine Show ohne Regeln und ohne festes Thema.
 
Ein Fernsehansager, dessen Stimme auch vortrefflich zum Vorlesen von Schauergeschichten geeignet wäre, kündigt das folgende Programm an: „die freche Unterhaltungssendung „Roche und Böhmermann“ . In einem nur spärlich beleuchteten Studio sitzen sieben Menschen an einem massiven Holztisch, vor ihnen Retro-Stabmikrofone, eine Karaffe voll Whiskey und ein Aschenbecher. Charlotte Roche, Sexbuchautorin und Atomkraftgegnerin, und ihr Moderationskollege Jan Böhmermann, Teilzeit-Sidekick von Harald Schmidt und Satiriker, haben zum Plausch geladen.
 
Die Sendung ist angelehnt an die Talkrunden des frühen Fernsehens der 60er und 70er Jahre, was sich nicht nur im retro-designten Studio, sondern auch im Showkonzept widerspiegelt. Es gibt kein übergeordnetes Thema zu dem jeder seinen möglichst kontroversen und gegensätzlichen Senf dazu geben darf. Betreuungsgeld, Frauenquote, Schuldenkrise und Wahlergebnisse sind keine Themen, die hier diskutiert werden. Und wenn doch, wird dieser Gesprächsfaden bald wieder fallen gelassen und lieber über Brüste und andere Banalitäten gesprochen. Das klingt nach hohlem Popkultur-Mist, ist aber ein kreatives und sympathisches Gegenstück zu den, zwar wesentlich seriöseren aber ebenso drögen, Polittalks an anderen Stellen.
 
Die Gäste der Show haben so wenig gemeinsam wie eine Wagner Oper mit einem Blockflötenkonzert und bilden ein Potpourris des deutschen Prominententums. Da sitzt Lena Meyer-Landrut neben Umweltaktivist Jochen Stay, einstiges Fünf Sterne Deluxe-Mitglied Das Bo neben Schminkspezialistin und Dschungelcamp-Sternchen Kim Gloss, Ex-Frontmann der Gruppe Echt Kim Frank neben Balian Buschbaum, ehemals Yvonne Buschbaum sowie erfolgreiche Stabhochspringerin, und Skandalrapper Sido neben Piratin Marina Weisband und Talk-Urgeister und Assi-TV Moderatorin Britt Hagedorn.
Vorgestellt werden die Talkgäste mit ironischen und bissigen Einspielerfilmchen, die brutale Wahrheiten nicht scheuen. Die sind dann manchmal sehr charmant wie bei Moderationskollegin Palina Rojinski und manchmal ganz schön böse aber dafür ehrlich und amüsant, wie bei Wilson Gonzales Ochsenknecht:
 
„Der 22-jährige Wilson Gonzalez Ochsenknecht leidet seit seiner Geburt an einem unheilbaren Vornamen. Auch seine Geschwister Jimmy Blue und Cheyenne Savannah teilen das Schicksal der merkwürdigen Erbkrankheit. Trotz seiner Behinderung ist der kleine Wilson Gonzalez mit den Kinofilmen „Die wilden Kerle“ 1 bis 69 schon in jungen Jahren als Schauspieler erfolgreich. Geerbtes Talent von Vater Uwe. Musikalisch lässt sich der multitalentierte Freund des Modells Bonnie Strange von Bands wie Queens of the Stone Age, Led Zeppelin und Arctic Monkeys inspirieren. Macht mit seiner Band dann aber doch lieber Musik die ganz anders klingt. Die einen finden die musikalischen Eskapaden des exzentrischen Ex-Waldorfschülers Ochsenknecht kacke, andere eher scheiße.[…]“
 

Die Moderatoren dieser Anti-Talkshow sind keine Fragenschleudern, die als leitende Figuren durch die Sendung führen, jedem Gast seine vorgeschriebene Sprechzeit einräumen und für Recht und Ordnung am Talktisch sorgen. Im Gegenteil, Roche und Böhmermann sind viel mehr furchtbar neugierige und abgedrehte Gastgeber, die einen Haufen scheinbar willkürlich zusammengewürfelter Leute zu einem Glas Whiskey und ´ner Kippe eingeladen haben. Einfach, um mal mit denen zu reden, über Gott und die Welt oder eben Brüste und Ökostrom.
Dieses konzeptionslose Konzept haben die Gäste relativ schnell verstanden und so ist es dann wie mit ein paar Freunden in einer Bar. Alle reden miteinander und durcheinander, unterbrechen sich und die Themen wechseln häufiger als Frau Roche ihre Unterwäsche.
Die meisten Themen werden nur kurz angeschnitten und wieder fallen gelassen, tiefgreifende Diskussionen sind hier ebenso fehl am Platz wie der Wunsch nach gefestigten Regeln. Die Namensgeber scheinen viel zu schnell gelangweilt von einem Thema, als dass sie den Standpunkt eines Gastes ernsthaft vertiefen wollen würden. Da sitzen einfach noch zu viele andere nette Leute, die man schon immer mal irgendwas fragen wollte. Wen lässt Deutschlands bekanntester Türsteher Sven Marquardt in den Club und wen nicht, warum spielt Sido freiwillig in einem Film von Mario Barth mit und warum ist König Boris seit neusten immer im Gesicht so komisch bemalt?

 
Bei diesem wirren und ziellosen Hin und Her, kann es aber auch schonmal vorkommen, dass ein interessanter Gast gar nicht zu Wort kommt, wie Dendemann, der in der Sendung mit Henryk M. Broder und Anna Fischer zwischen Themen wie Auschwitz und Viagra irgendwie untergegangen ist. 
Wer was zu sagen hat, muss schon den Mund aufmachen und das Thema an sich reißen. Wie Attack-Aktivistin Junda Sundermann, die einfach noch mal lauthals bekundete, dass sie mit dem Thema Geld noch nicht abgeschlossen hatte.
Auch wenn der Informationsgehalt insgesamt relativ gering bleibt, ist der Unterhaltungsgehalt dafür umso höher.

 
Jede Sendung ist irgendwie neu und völlig anders, was zum einen an den wild kombinierten Gästen liegt, zum anderen aber an den obskuren Ideen der Redakteure. In einer Sendung gab es Grünkohl mit Pinke, in einer anderen Feuerwerk. Aber der größte Fehltritt war wohl die Idee mit dem Viagra, welches Jan Böhmermann zu Beginn einer Sendung eingeschmissen hat. Das hat nicht funktioniert, weder die Idee noch das Viagra.
 
Es ist nicht alles gut bei Roche und Böhmermann, aber schon ziemlich viel. Es ist ehrlich, anders, kreativ, chaotisch, innovativ, unkonventionell und provozierend. Eine Talkshow für Leute, die keine Talkshows mögen.
 
Nach sieben Sendungen und einer „Best of“ Folge sind Roche und Böhmermann vorerst in die Sommerpause entschwunden. Dank der überraschend guten Quoten (0.6 Prozent Marktanteil, klingt wenig, ist für einen Spartenkanal aber anscheinend genug. Angefangen haben sie mit 0,1) werden Roche und Böhmermann ab dem 2. September wieder auf Sendung gehen. von Steffi
 
Alle bereits ausgestrahlten Folgen von „Roche und Böhmermann“  gibt´s in der Mediathek vom ZDF.

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Ein Kommentar zu Review: Roche und Böhmermann
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  1. Super Artikel. Habe mich nach anfänglicher Skepsis selbst davon begeistern lassen! Ein Hoch auf das unkonventionelle Duo

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