Erfurter Geschichten – Das rote Kleid

via weheartit

für D. und T. – Ein Erfurter Altbau. Fünfte Etage. Eine WG. Der Blick aus dem Küchenfenster gibt eine Aussicht auf die Hinterhöfe der Nachbarhäuser frei. Roter Backstein dominiert die Landschaft. Die erhabene Sichtweise bietet einen vorzüglichen Weitblick und Einblick in das Leben der Mitmenschen – gezwungenermaßen natürlich. Wer diesen Anblick länger genießt, entdeckt am gegenüberliegenden Domizil eine Wäscheleine. So weit, so unspektakulär. Neben formschönen Baumwoll-Schlüpfern, T-Shirts und Jeans reiht sich ein rotes Kleid in die Kolonne der Garderobe. Doch nachdem alle Kleidungsstücke sonnengetrocknet waren und schon längst wieder in den heimischen Kleiderschrank befördert worden, hing das rote Kleid immer noch an der frischen Luft – allein.
 
In den nächsten Wochen gesellten sich immer wieder neue Artgenossen dazu und entfernten sich wieder – Hemden, Hosen, Socken, Unterhosen und Röcke besuchten das rote Kleid, doch am Ende blieb es immer allein zurück. Schnee, Sonne, Regen oder sonstige Wettervorkommnisse änderten nichts an der Situation. Der Blick aus dem Küchenfenster fiel immer auch auf das rote Kleid, wie es einsam an der Fassade im Wind wehte. War es vielleicht eine zurück gebliebenes Stück Erinnerung an die Ex-Freundin? Oder vielleicht von fiesem Ungeziefer befallen? Oder war es einfach immer noch nicht getrocknet? Des Rätsels Lösung musste durch die WG-Bewohner erkundet werden, die Neugier war einfach zu groß.

 
Da moderne Kommunikationsmittel wie Telefone, Handys und Facebook hier, aufgrund unzureichender Informationsquellen bezüglich Name und Adresse, scheiterten, musste zu altertümlicheren Kontaktmittel gegriffen werden. Doch die Kenntnisse über die Methodik des Rauchzeichens und deren Bedeutung waren eher beschränkt und so wurde zum nächst naheliegenderen Prinzip gegriffen – ein Plakat. Nach dem Gesetz: „Wenn ich dich sehe, siehst du mich auch.“ hing schon bald ein Schild im Küchenfenster mit der schlichten Frage: „Was hat es mit dem roten Kleid auf sich?“.
 
Unwissend ob die Frage tatsächlich von den betreffenden Nachbarn gesehen geschweige denn beantwortet wird, warteten die WG-Bewohner Tag und Nacht auf eine Antwort. Und dann, beim Blick auf das rote Kleid, das wie immer auf der Wäscheleine hing, viel eine weitere Eigentümlichkeit auf – ein Plakat im Fenster gegenüber. Die Antwort fiel ebenso schlicht aus wie die Frage: „Das ist bloß Kunst.“ von Steffi

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Ein Kommentar zu Erfurter Geschichten – Das rote Kleid

  1. Mia sagt:

    Die Geschichte ist wunderschön! Spannend – und am Ende so simpel wie anschaulich. Danke dafür, Steffi :)

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