Back to the Roots: Die Lomographie und ich

Screenshot Lomography

Könnt ihr euch noch an die Zeiten erinnern als man in einen Fotoapparat noch Filme einlegte, eine auf 36 Bilder begrenzte Anzahl an Versuchen hatte und 5 Werktage wartete, um das Ergebnis zu sehen? Da wurde noch mit Sinn und Verstand fotografiert. In Zeiten von Digitalkameras, Fotohandys und Multifunktionstaschenmessern mit Fotofunktion wird der Wert einer richtigen Fotografie gar nicht mehr geschätzt. Tausende Fotografien liegen ungeachtet auf Festplatten und fristen ihr trauriges Dasein, statt auf Fotopapier in einem lederummantelten Album zu erstrahlen oder durch begeisterte Hände gereicht zu werden.
 
Doch die analoge Fotografie lebt wieder auf (oder vielmehr weiter), dank der bezaubernden Lomography-Kameras, die nicht nur bei trendbewussten Hipstern Entzückung hervorrufen, sondern vor allem bei Freunden der analogen Fotografie. Nicht nur ihr schickes Design, sondern vor allem die farbstarken Ergebnisse im Vintage-Look, die man mit diesem kleinen Wunderkasten erschaffen kann, überzeugen. Lomographien werden von einer schicken Vignettierung umspielt, ihre Farben sind satter, die Lichter bezaubernd und der Fokus weicher, so wirkt jedes Bild verträumt und ein wenig unwirklich.
 
Kurz – für alle, die nicht wissen, was Lomographie ist: Im Jahr 1990 stießen zwei junge Wiener Studenten auf die russische Kompaktkamera LOMO LC-A und gründeten 1992 die Lomographische AG, die sich fortan ausschließlich mit analoger Fotografie beschäftigt und seither jedes Jahr neue Lomographische Kameras und Zubehör auf den Markt bringt. Die Lomographie versteht sich als die Philosophie des Schnappschusses und der spontanen Momentaufnahme. Es geht nicht um das perfekte Bild – ganz im Gegenteil, kleine Belichtungsfehler, leicht verschwommene Motive oder Doppelbelichtungen machen den Zauber der Lomography aus. Mittlerweile hat sich um diese Art der Fotografie sogar eine internationale Community mit eigenen Shops und einem online Magazin etabliert. Das Motto der Lomographen: “Die Zukunft ist analog”.
 
Die 10 goldenen Regeln der Lomography sind simpel:

1. Nimm deine Kamera überall hin mit!
2. Verwende sie zu jeder Tages- und Nachtzeit.
3. Lomographie ist nicht Unterbrechung deines Alltags, sondern ein integraler Bestandteil desselben.
4. Übe den Schuss aus der Hüfte!
5. Nähere dich den Objekten deiner lomographischen Begierde so weit wie möglich!
6. Don’t think (William Firebrace)
7. Sei schnell!
8. Du musst nicht im Vorhinein wissen, was dabei heraus kommt.
9. Im Nachhinein auch nicht!
10. Vergiss die Regeln!
 

Lomography Diana F+ Buttercup

In den letzten Tagen durfte ich ein Kultmodel von Lomography, die Diana F+, testen und bin ganz begeistert von dem kleinen Wunderkasten. Nicht nur das hübsche Design im 60er Jahre Stil (in meinem Fall als Buttercup Limited Edition in knall gelb) finde ich ganz bezaubernd, sondern auch ihr Fliegengewicht und der relativ leichte Umgang überzeugen mich.
 
Doch zunächst musste ich feststellen, dass mich so eine analoge Kamera vor einige Herausforderungen stellt. Kaum landete Lady Di auf meinem Schreibtisch, wollte die Kleine mit einem 120er Film gefüttert werden. Was eigentlich kein Problem sein sollte, aber die dazugehörigen 120er Rollfilme bestehen nur aus einem auf eine Spule aufgerollten Streifen Fotopapier, ohne die von 35mm Filmen bekannte Kapsel – da kann man schonmal kurz verwirrt sein. Auch wenn die schriftliche Anleitung (übrigens die sympathischste Bedienungsanleitung, die ich je gelesen habe) unmissverständlich erklärte wie vorzugehen war, konnte meine Angst den Film aus Versehen zu Belichten erst durch die Sichtung eines hilfreichen YouTube „Lehrvideos“ zerstreut werden. Nachdem ich dieses Hindernis erfolgreich bewältigt hatte, wollte ich am liebsten gleich den ganzen Film voll knipsen, aber die beschauliche Büro-Atmosphäre bot nicht besonders viele fotografierenswerte Objekte.
Waren diese schließlich gefunden, musste ich zunächst lernen, den Objektivdeckel zu entfernen, denn sonst ist der Moment in dem der Hund das wohl süßeste Gesicht aller Zeiten macht, verstrichen und kein Foto davon vorhanden.
 
Abgesehen von der Notwendigkeit, den Objektivdeckel zu entfernen, gibt es bei der Diana F+ noch ein paar andere Dinge zu beachten:

  • Blende überprüfen: ist es bewölkt; wolkig mit Sonne oder sonnig
  • will ich eine normale Belichtungszeit oder eine Langzeitbelichtung (diese Frage beantwortet sich im Normalfall durch die Frage: ist es nachts oder aus einem anderen Grund dunkel)
  • Entfernung richtig einschätzen: 1-2 Meter, 2-4 Meter und 4 Meter bis unendlich
  • Blitz einschalten, wenn man ihn denn benutzen möchte
  • weiterdrehen zum nächsten Bild – auch ein Punkt, der von mir gern vergessen wird (wenn man nicht absichtlich eine Doppelbelichtung wünscht)

 
Hat man das erst einmal verinnerlicht, kann man eigentlich auch schon los legen.
Zwar plagten mich beim Fotografieren stetig Zweifel, ob das Ganze denn auch funktioniert, denn wirklich viel Technik, der man es zutrauen würde, ein Bild herzustellen, gibt es bei der Diana F+ nicht. Doch wie durch Zauberhand, anders kann ich es mir nicht erklären, entsteht in diesem kleinen Kasten wirklich ein Bild.
Aber an dieses Bild heranzukommen, ist in unserer so fortschrittlichen Welt gar nicht mal so einfach. Denn, noch mal zur Erinnerung, in dieser Kamera befindet sich ein Rollfilm (im Format 4×4) der nicht einfach mit einem USB-Kabel an den Computer angeschlossen werden kann. Also musste jemand gefunden werden, der dieses „altertümliche“ Format entwickeln kann.
 
Beim Fotogeschäft meines Vertrauens wurde ich leider enttäuscht, die konnten den Film zwar entwickeln, aber keine Abzüge des Rollfilms anfertigen. Da stand ich also, so kurz vor dem Ziel und wurde abrupt in meiner Euphorie gestoppt. Einziger Lichtblick: ich hatte immerhin die Gewissheit, dass nicht alle Bilder schwarz waren, wie tagelang von mir befürchtet. Ich stelle fest, das Ergebnis einer Fotografie gleich auf dem Display betrachten zu können, ist wirklicher Luxus.
Wenn der Fotofachmann das nicht kann, dachte ich, probier ich es eben bei einem der tausend Drogeriemärkte die Fotoarbeiten anbieten. Aber Fehlanzeige, wie zu erwarten war, die Rolle kam nach einer Woche, so wie sie war wieder zurück. Also weiter ging die wilde Jagd (dass ich es nicht gleich aufgegeben habe, widerspricht eigentlich völlig meiner Natur). Nach ein paar weiteren Absagen hatte ich endlich Glück. In einem kleinen Fotogeschäft war der Praktikant so freundlich, seinen privaten Fotoscanner mitzubringen und die Bilder für mich zu scannen. Gesagt, getan. Und so hielt ich endlich meine ersten Lomographien in der Hand – leider auf einem USB-Stick, aber immerhin.
 

Lomographie mit der Diana F+


Die ersten Ergebnisse waren nicht ganz so wie ich sie mir vorgestellt hatte, zu verwackelt, zu lang belichtet und zu orange (was aber an der orangenen Blitzfolie lag). Das sah die expressive Chefin des Hauses anscheinend auch so und lies es sich nicht nehmen ,meine Fotos zu kommentieren: „Oh, Sie wollen wohl was mit Kunst machen. Na ja, jeder Künstler fängt mal klein an. Sie müssen üben, Sie müssen viel üben.“ Da ich weiß wie schön und verträumt die Bilder mit einer Diana F+ aussehen können und ich meine damit vergleiche, bin ich ganz ihrer Meinung.
 
Dennoch, die kleine Plastikkamera bringt auf jeden Fall Spaß, man muss sich und ihr nur ein bisschen Zeit geben und ihre Launen hinnehmen, so ist jedes Bild eine Überraschung.
 
Ab jetzt heißt es also Lomographieren statt fotografieren. von Steffi


Noch mehr tolle Sachen:

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12 Antworten auf Back to the Roots: Die Lomographie und ich

  1. Buzzter sagt:

    Ich hab mich da nie ran getraut, bin halt ein Kind der digitalen Fotografie und liebe es.

    Gibt’s deine Ergebnisse nicht zu sehen? Oder hab ich Tomaten auf den Augen?

    • Redaktionsmaedchen sagt:

      Nein keine Tomaten, habe mich erst jetzt dazu entschlossen doch noch drei Bilder einzustellen. Einen Moment noch, dann gibts was zu gucken. Aber wie gesagt, die Ergebnisse sind – naja.

  2. Buzzter sagt:

    Okay, gesehen und auch verstanden. Den Hund und die Bücher mag ich trotzdem.

    Machst du weiter mit der Lomo oder war’s das?

  3. driesel sagt:

    Interessanter ausführlicher Bericht, der mir sehr viel Spaß gemacht hat. leider sind die Lomos nicht gerade die robustesten Kameras, die Originale vielleicht schon eher. Habe hier noch 3 – 4 kaputte Kultknipsen rumkullern. Wer preiswerter spantan analog fotografieren will kann das auch mit vielen anderen “alten” Analogen machen. Ne Olly-Pen zB. oder die Krönung eine Leica CM
    http://www.flickr.com/photos/driesel/4845301050/in/photostream
    So ein bunten Lomoblitz Taschen un Zubehör hab ich auch noch.
    http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/1520020/display/20225307
    Hier noch mal ein Bild von der alten Olly :))
    http://www.flickr.com/photos/driesel/5797510638/in/photostream

  4. Jenni sagt:

    Schöner Bericht :)

    Ich knipse seit einem Jahr mit der Diana und seitdem ist die Kollektion noch größer geworden an alten analogen Schätzen.

    ich wollte dir nur ein paar Tipps für das Entwickeln der Filme geben: Bei dm und Schlecker kann man die Filme abgeben und erhält dann auch tatsächlich Abzüge (und natürlich die negative) zurück. Auch gibt es min. zwei Fotolabore zu denen man seine Bilder per Post schicken kann (Studio 18 oder so und Farbglanz) – und Lomo bietet den Service ja jetzt auch in Deutschland selbst an.

    • Redaktionsmaedchen sagt:

      Danke für die Tipps, bei mir kam es bei dm leider wieder zurück, mit einem Zettel auf dem Stand das müsse durch einen Fachmann gemacht werden – vielleicht ist das ja ein bisschen wie Lotto.

      • Jenni sagt:

        Es kommt darauf an zu welchem Labor die dm Filiale schicken lässt. Das ist leider nicht Deutschlandweit gleich. Leider erkenne ich von der Verpackung meiner Bilder nicht zu welchem Labor meine geschickt wurden – weil es gibt nur noch eine Handvoll Großlabors zu denen Filme geschickt werden (CEWE und Fuji größtenteils).

  5. Pingback: Back to the Roots: Die Lomographie und ich | Placedelamode

  6. TVG Verlag sagt:

    vom 15. März bis zum 10. Mai 2012 ruft der TVG Verlag in Berlin zum großen Lomographie-Wettbewerb auf. Unter dem Titel „Menschen und Berufe Deiner Stadt“ werden Motive gesucht, die das Leben in der Region auf kreative Art und Weise abbilden
    http://dastelefonbuch.lomography.de/

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