Nina Pauer: „Wir haben keine Angst“ – Oder doch?

via S. Fischer Verlag

Nina Pauer, 29 Jahre, therapiert in ihrem Buch „Wir haben keine Angst“  ihre Generation, die 25 bis 35-Jährigen, die wohl behütet mit Rolf Zuckowski aufgewachsen sind und Angst vor den falschen Entscheidungen haben. Eine Generation, zu der ich mich trotz meiner erst 24 Geburtstage auch zähle.
 
„[…] Wir sind lässig. Wir sind ironisch. Und wir sind nett. Wir haben schöne Bildungsabschlüsse. Wir sehen gut aus. Und sind trotzdem bescheiden. Wir haben tolle Freunde. Wir verstehen uns gut mit unseren Eltern. Wir können fließend Englisch sprechen und mit Computern umgehen. Und wir sind lieb zu Tieren.“
 
Sieht ja erstmal ganz gut aus, dieses Bild unserer Generation, wir scheinen wirklich nette Leute zu sein, bei denen eigentlich alles okay ist. Aber dieses „eigentlich“ ist unser großes Problem. Während unsere Großeltern, wie sie uns immer wieder gern vorhalten, nichts hatten, haben wir alles und vor allem alle Möglichkeiten. Zwar haben wir keine Angst vor den Gefahren der großen, weiten Welt, denn wir haben alles überlebt: Tschernobyl, verrückte Kühe, die Trennung von Take That, das Millennium, die Rechtschreibreform, Dioxin, H1N1 und das Internet, aber dafür haben wir große Angst vor den Dingen in uns drin, Angst vor falschen Entscheidungen im Job, in der Liebe, bei Freundschaft und Familie.
Diese eigentlich individuellen Ängste sieht Nina Pauer in ihrer Generation ziemlich häufig, und therapiert, stellvertretend für eine ganze Generation, die Paradebeispiele Anna und Bastian. Sie: Junior Assistant in einer Werbeagentur und schon immer etwas perfekter als die Anderen. Er: sympathischer Chaot, der auf der Suche nach sich selbst schon seit Jahren eine Auszeit nimmt. Man kennt diese Annas und Bastians. Sie sitzen Latte Macchiato schlürfend in kleinen Cafés, sie kaufen genfreies Gemüse beim Biohändler, sie besitzen iPods und iPhones, tragen stolz ihre Jutebeutel durch die Szeneviertel ihrer Stadt und machen irgendwas mit Medien. Pauer sieht das Leben als die krasseste Castingshow der Welt, bei der wir nicht nur die Kandidaten, sondern auch die Jury sind.
 
Auch wenn schon leise Stimmen aufkommen und uns „Generation Angst“ nennen möchten, verzichtet Pauer auf einen Namen und bezeichnet uns als „Generation Garnichts“. Nicht weil wir nichts drauf hätten, sondern weil Namenszuweisungen einfach nerven und unsere Generation schon zuhauf betitelt wurde, mit Generation Facebook, Generation Praktikum oder Generation MTV.
 
Unsere Generation kennt nur zwei Extreme: Burnout oder Lethargie, beides aber versteckt hinter einer coolen Fassade. Unser größtes Problem: selbstgeschaffene Ängste und Probleme, die keine sind. Kopfnickend lese ich Seite um Seite, um nach knapp 200 Seiten feststellen zu müssen, dass ich auch nicht schlauer bin. Gut, alle Probleme wurden nett geschmückt noch einmal abgehandelt und aufgedeckt. Eine Bestandsaufnahme unserer Ängste in einer ironischen, witzigen und geschickten Art und Weise. Aber es steht ganz dick zwischen den Zeilen, eine Lösung hat Pauer nicht parat, nur diese eine Floskel: Einsicht (oder in ihrem Fall „Thematisierung“) ist der erste Schritt zur Heilung. Aber das allein hilft nicht und beinahe ist es noch schlimmer als zuvor. Wer bis jetzt noch keine Angst vorm Erwachsenwerden hatte, hat diese spätestens nach der Lektüre. Alle Fragen sind noch offen und jetzt noch viel deutlicher als vorher.

Wer aber keinen Therapeuten braucht und einfach wissen will, was mit unserer Generation los ist, hat mit diesem Buch auf jeden Fall seinen Spaß. von Steffi
 
Nina Pauer: Wir haben keine Angst. Gruppentherapie einer Generation
S. Fischer Verlag, erschienen: September 2011
Hardcover, 198 Seiten
ISBN: 978-3-10-060614-3
13,95 Euro

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