Interview mit der Autorin Anne Büttner

Die Erfurter Autorin Anne Büttner macht Wortakrobatik statt Pirouetten. Im Frühjahr gab es auf einer großen Lesetour einige Kurzgeschichten von ihr zu hören, aus dem Mund vom neusten Zughafen Auswuchs Ryo. Im Herbst 2011, also schon bald, muss dann wieder selber gelesen werden, dann erscheinen nämlich ihre Kurzgeschichten in gebundener Form.
Die gute Anne war so freundlich mir einige Fragen zu beantworten und die Antworten darauf sind mindestens genauso lesenswert wie ihre Kurzgeschichten. von Steffi 

 

Foto: Anika Wagner

Wann und wie bist du zum Schreiben gekommen?
1986 mit der Einschulung. Klingt banal, aber damit fing es nun mal an. Relativ zügig begeisterte ich mich für Buchstaben und die Möglichkeiten, die sie mir boten. Beispielsweise konnte ich so meinen ersten (fragwürdig begründeten) Antrag auf Taschengelderhöhung schreiben, der glücklicherweise bewilligt wurde und mir damit die Freude am geschriebenen Wort erhielt. Später verfasste ich kleine Geschichten, nur so für mich (und den Papierkorb) und hin und wieder ein paar Artikel für die lokale Presse. Nach dem Abitur, einem völlig „artfremden“ Erststudium und ein paar Jahren im Beruf, der erwartungsgemäß nicht die Erfüllung war, entschied ich mich, noch ein Fachjournalismusstudium ranzuhängen. Da journalistisches Schreiben mitunter dem Literarischen ähnelt, war dieses Studium für mich optimal, um so zum einen im „Schreiben“ zu bleiben und zum anderen hierdurch vielleicht irgendwann meinen Lebensunterhalt finanzieren zu können, was mit „reiner Schriftstellerei“ ja eher selten klappt. Während dieser Zeit schrieb ich auch privat wieder mehr und nahm an meinem ersten Literaturwettbewerb teil, wobei mein Text direkt zu den Gewinnerbeiträgen zählte. Neben der Freude darüber war das natürlich eine super Motivation, dranzubleiben. Natürlich läuft es nicht immer so reibungslos, aber solange es Spaß macht und ich mir diesen Spaß auch leisten kann, schreibe ich weiter. Atmung und Schreiberei haben sich sozusagen als sehr teamfähige Partner erwiesen.
 
Vor einiger Zeit waren deine Texte mit Ryo auf Tour und wurden von ihm gelesen. Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen?
Kirstin Kroneberger – eine langjährige Freundin, die zu dieser Zeit das Booking für Ryo machte, wusste, dass ich so ein bisschen schreibe, und fragte mich, ob ich mir meine Geschichten für eine geplante Lesereise vorstellen könnte. Was genau es werden sollte, wusste ich da noch nicht, schickte aber einfach mal eine Leseprobe an Ryo, den ich bis dahin noch gar nicht kannte. Während er las, habe ich mich ein wenig in seine Musik reingehört, mit dem Ergebnis, dass wir uns beide ein gemeinsames Projekt (musikalische Lesereise) sehr gut vorstellen konnten. Das erste Mal getroffen haben wir uns dann knapp zwei Wochen später. Bei dem Treffen sprachen wir über seine Songs und meine Geschichten, die so miteinander verwoben werden sollten, dass ein richtig schönes musikalisches Leseknäuel entsteht. Damit aus den einzelnen Fäden ein fusselfreies und symbiotisches Ganzes wurde, haben Ryo, Gitarrist Martin und ich in den nächsten Wochen weiter an unseren jeweiligen Enden gehäkelt, geändert, geübt, geknüpft und geknäuelt. Letztendlich ist aber alles rechtzeitig zum Start der deutschlandweiten Lesereise fertig geworden, und zwar genau in der Knäuelform, die wir uns vorgenommen und erhofft hatten.
 
Wirst du auch selbst Lesungen geben oder sind welche mit anderen Vorlesern geplant?

Klar, ich werde in Zukunft auch selbst Lesungen geben. Einige Anfragen gibt es schon. Sobald daraus richtige Termine mit richtigen Uhrzeiten und richtigen Orten geworden sind, werde ich das umgehend auf meiner Website und natürlich auf Facebook verkünden.
Mit anderen Vorlesern geplant ist momentan nichts. Außer vielleicht eine Lesung im Rahmen des Textil-Festivals – einem Festival der jungen Literatur in Erfurt. Als zentraler Bestandteil des Festivals wurden im Juni einige Workshops veranstaltet, so zum Beispiel ein Short-Story Workshop, an dem auch ich teilnahm. Die Kurzgeschichten, die dabei entstanden sind, sollen zum Festivalfinale (12.-15.10.) gelesen werden und – wenn alles klappt, wie geplant – wird es bald schon eine Vorabpremiere im Radio geben. Dass allerdings meine Texte von jemand anderem vorgelesen werden, ist erstmal nicht geplant. Was ja aber nicht heißt, dass ich es für die Zukunft ausschließen würde.
 

Foto: Anika Wagner

Wird es deine Werke in Zukunft auch in gebundener Form geben?
Ja – und zwar schon im Herbst! 2011! Wir sind fleißig dabei, die gelenktaschenfreundlichen pdf-Formate in ein lesefreundliches Buch-Format zu packen. Darin wird es neben den Geschichten der März/April-Tour auch einige neue Texte zu lesen geben. Und weil man das im Herbst ja besonders schön kann und es ohnehin so lecker nach Blättern duftet – deswegen also ein Herbstbuch.
Kommt eine andere Gattung außer Kurzgeschichten für dich in Frage?
Klar! Bis auf Lyrik vielleicht, dafür bin ich einfach nicht lyrisch genug. Aber sonst ist da alles offen. Manchmal sucht sich der Text seine Gattung einfach selbst, da muss ich ihn dann auch lassen, wenn ich nicht will, dass er schmollt.
 

In deiner Kurzgeschichte „Farbenleere“ beschreibst du Tage und deren Stimmung mit Zahlen. Was hat es damit auf sich?
Das Ganze nennt man Synästhesie und das geht ungefähr so, dass ein Sinnesreiz bei den „Betroffenen“ neben der normalen Wahrnehmung zusätzliche Sinnesempfindungen auslöst. Das heißt, dass ein Synästhetiker beispielsweise Zahlen (auch) als Farben wahrnimmt, ein anderer vielleicht Töne sieht und der nächste möglicherweise Gerüche hört. Warum das so ist, weiß ich nicht, fand aber gleich, als ich das erste Mal davon hörte, dass es ein wunderbares Fundament für einen Text abgäbe.
 
Was zeichnet deinen Schreibstil aus?
Auszeichnen ist zu viel gesagt. Aber ich mag das Spielen mit Wörtern und Drehen von Buchstaben sehr gern. Fast wie bei einem Zauberwürfel. Nur anders.
Und ich versuche – wie beispielsweise bei „Farbenleere“ – Gefühle durch Bilder zu erzeugen. Es hat ja nicht jeder das große Glück, Synästhetiker zu sein oder zu kennen. Dennoch versuche ich, durch die gewählten Bilder spezielle Stimmungen beim Leser auszulösen, auch wenn man selbst eben keine Farbe für die 38 hat oder eine Narbe, die nach dänischen Butterkeksen duftet. Trotzdem hoffe ich, dass man sich irgendwo in den Geschichten findet oder aber einfach die Geschichten findet – bestenfalls natürlich schön, auch wenn die Thematik nicht immer eine schöne ist.
 
Sind deine Geschichten komplett erfunden oder bringst du autobiografische Elemente mit ein?
Komplett erfunden sind sie nicht, aber das müssen sie ja auch nicht, um zumindest möglich zu sein. Definitiv steckt in jedem Text auch immer etwas Anne, ob ich will oder nicht. Manchmal ist es eine bestimmte Eigenschaft, manchmal eine Situation, die ich selbst erlebt oder Gedanken, die ich mir gemacht habe. Auf jeden Fall aber, denn anders geht es ja gar nicht, ist es meine Art des Erzählens und die Wahl der Worte, die mich letztendlich „verraten“.
 

Was machst du, wenn du vor einem leeren Blatt sitzt und dir einfach nichts einfallen will?
Wahrscheinlich hat es was mit Selbstschutz zu tun, dass ich mich nie ideenlos vor ein leeres Blatt setze, sondern eben erst, wenn mir bereits etwas eingefallen ist. Deswegen bleibt es ja nicht lange leer. Wenn es dann aber irgendwie mal nicht weitergeht, dann ist von zerknüllen über zermartern bis ablenken alles drin. Pause machen und Leben gucken ist ja irgendwie auch schon wieder Recherche – wenn auch nicht immer eine bewusste. Manchmal streiche ich, wenn gar nichts geht, auch noch mal an alten Texten rum, um im weitesten im Schreibprozess zu bleiben. Irgendwann klappt dann der nächste (Ab)Satz oder die nächste Idee beißt sich fest und dann läuft es auch wieder. 


 
Was inspiriert dich besonders?
Alles, was und jede/r der/die mit Leben zu tun hat. Genauer kann ich es leider nicht sagen. 


 
Welche Lektüre liegt bei dir gerade auf dem Nachttisch?
Einige Zeitschriften, Richard Yates` „Elf Arten der Einsamkeit“, „Die Unperfekten“ von Tom Rachman und ein paar eigene Texte zum Überarbeiten.

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