Unterwegs mit dem Rollator

Jeden Morgen, auf dem Weg zu Arbeit, gehe ich an einem Altenheim vorbei und jeden Morgen überkommt mich aufs neue ein komisches Gefühl.

Ich bin gerade mal in den Zwanzigern und habe jetzt schon panische Angst vor´m Alt sein. Es geht mir nicht um die Dreißiger und Vierziger, damit komm ich locker klar. Es geht mir um die Zeit in der ich auf Rollatoren und andere Geh-Hilfen angewiesen bin, wenn meine Blase außer Kontrolle gerät und ich Krankheiten kriege, deren Namen ich weder buchstabieren, noch aussprechen kann.

Meine morgendlichen Beobachtungen haben außerdem ergeben, dass die Insassen des Altersheims dazu genötigt werden Mensch-Ärger-Dich-Nicht zu spielen, das wohl demütigendste Spiel der Welt, und das ganze auch noch mit Spielfiguren so groß wie Hochhäuser.

Alte Menschen haben es im Alltag nicht leicht aber darauf nehmen die wenigsten Rücksicht, und ich kenn mich selbst, es gibt nichts nervigeres als eine gebrechliche Omi zwischen den Käse- und Wurstregalen, die mitten im Gang vor sich hin schleicht. Als junger Mensch drängelt man sich da rücksichtslos vorbei, man hat ja schließlich, im Gegensatz zu der Omi, noch wichtigeres zu tun.
Man ist als alter Mensch in der Rangordnung plötzlich ganz unten.

Aber neben den ganzen Misslichkeiten die im Alter auf mich zu kommen werden, wird es etwas geben, das super wird: ich kann so viel meckern wie ich will, die Gesellschaft erwartet eh nichts anderes von alten Menschen. Und ich werde das bis zu meinem letzten Atemzug auskosten.

Ich werde mich über jeden Kaugummi auf der Straße aufregen über jeden dem es in den Sinn kommt in meiner näheren Umgebung zu rauchen, über jeden Hundehaufen, über bunte Haare, die Jugend, kurze Röcke, laute Musik, schreiende Kinder, die Nachrichten, den Dreck, die Autos, beschmierte Wände und einfach über alles was mich umgibt.

Ich werde jeden Tag mit meinem Rollator durch die Stadt fahren und nur so vor mich hin meckern, mit den Kopf schütteln, den Zeigefinger heben, und lauthals verkünden dass früher alles besser war.

Ich glaube, das könnte doch eine ganz gute Zeit werden. von Steffi

Granny Walk from Carrie Mombourquette on Vimeo.

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Ein Kommentar zu Unterwegs mit dem Rollator

  1. P. Achim T. sagt:

    Erinnerungsdifferenzen

    Vielleicht wird man im ALTER
    v e r g e ß l i c h e r ,
    dafür e r i n n e r t man sich mehr.
    [Anke Maggauer-Kirsche, Lyrikerin]

    … so erinnert sich

    der K L U G E mit S t o l z,
    dass er mit seinem guten Rat
    den Reichtum vieler vermehrt hat …

    der W E I S E mit D e m u t,
    dass er mit seinem Herzen
    das Glück vieler geteilt hat …

    der M U T I G E mit G e l a s s e n h e i t ,
    dass er mit seiner Risikobereitschaft
    vielen zur Wahrheit verholfen hat …

    der L I E B E N D E mit F r e u d e,
    dass er dank seiner Leidenschaft
    auch immer die Zweisamkeit bewahrt hat …

    der E h r l i c h e mit W e h m u t,
    dass er mit seiner idealistischen Haltung
    stets der krisenbehaftete Dumme war …
    ___
    Erfurt, 28.08.08 – Aus meinem Tagebuch – © PachT
    [Eine überarbeitete Idee v. Rolf Ronck]

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